Herr I. und Herr B.

Herr I. schwitzt, während er mühsam meiner gebrochen englisch sprechenden Kollegin zu folgen versucht. Die Wangen meiner Kollegin leuchten rot und ihre Augen blicken angestrengt. Sie erklärt dem Flüchtling, dass unsere Ämter sich gerade weder dort, von wo er wegziehen musste, noch hier, wohin er verbracht wurde, für ihn zuständig fühlen. Herr I. schaut verständnislos an die Decke und arbeitet an der Unterdrückung seiner Wut. Die Aufenthaltserlaubnis läuft in einer Woche ab. Nebenan hören wir seinen sechs Monate alten Sohn weinen, er wartet auf das Mittagessen. Die ein Jahr ältere Schwester ruft nach ihrem Vater, sie möchte sich vergewissern, dass er noch da ist. Herr I. unterbricht das Gespräch und kümmert sich liebevoll um seine Kinder. Auch die Kollegin benötigt eine Pause- drehen wir uns mit den Formalitäten doch seit Wochen ergebnislos im Kreis. Herr I. muss heute noch einkaufen, ich schaue in unsere Tabellen. Täglich 49 Cent für Hygieneartikel stehen ihm zur Verfügung. Um meine Sorte Shampoo kaufen zu können muss Herr I. fünf Tage warten. Herr I. nimmt eine halbe Stunde später 43 € entgegen. Sein Lebensmittelgeld für die kleine dreiköpfige Familie muss eine ganze Woche reichen und eine gesunde Ernährung sichern. Kein Kassenbon darf fehlen, sonst muss er mit seinem Taschengeld ausgleichen. Mein Sohn bekommt mit 18 Jahren mehr Taschengeld als Herr I. mit 26 Jahren.

Während ich in dieser Szene meinen Arbeitsplatz am PC besetze und kritisch das Alltägliche verrichte ploppt eine Nachricht in meinem Smartphone auf. Unser Trainer fragt wie immer in die Runde, wer denn abends kommt. Ein Foto von Herrn B. auf einer sehr beliebten Insel folgt. Herr B. hat sich im Pool seiner Villa im Süden ablichten lassen. Er hält ein Getränk hoch und schickt ironisch die Frage herüber, ob wir nicht bei ihm verabredet gewesen wären. Draußen haben wir heute 40°- und mir jagt ein kalter Schauer vom Haaransatz abwärts...

© Mariefu