Oasentag

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Oasentag | story.one

Dicht gedrängt im Dienstbus fahren wir nach Essen, wo wir frühstücken. Die Stimmung ist fröhlich und wir sind neugierig auf das, was uns heute erwartet. Unser Arbeitgeber ermöglicht dem Team eine kleine Auszeit, den Oasentag. Wir gehen zum meditativen Bogenschießen.

Der Raum ist freundlich, Köcher mit Pfeilen stehen bereit. Harry weist uns ein und wir legen Sehnen- und Fingerschutz an. „So, die erste Gruppe bitte", lautet seine Einladung mit britischem Dialekt. Alle lauschen intensiv auf seine Ansagen. „Bogen aufnehmen", mit der rechten Hand? Ja! Die andere greift über die Sehne an den Griff. „Tiefer rein und Füße ausrichten", sagt er zu mir. „Du hast einen stabileren Stand, wenn du sie schulterbreit aufstellst", gesagt, getan. „Geradeaus die Wand ansehen, Bogen hoch, Kopf drehen und zur Zielscheibe schauen", bis hierhin kommen alle mit. „Senken, entspannen - Pfeil aufnehmen", geht es weiter. Meine Finger zittern, die Knie auch. „Einrasten bitte," ich suche den Nockpunkt und höre das Klicken. Die einzelne Feder zeigt nach oben? Ja, alles gut. „Bogen anheben!" Ich platze fast vor Aufregung. „Anspannen, halten" und das erwartete „LOSLASSEN!". Die Pfeile rauschen sirrend durch den Raum. Da, ein paar Treffer! Freude, wir lachen. „Ach, hatte ich euch schon gesagt, dass wir uns nicht freuen, wenn der Pfeil die Scheibe trifft?" fragt Harry in seiner ruhig-ironischen Art. Kichern. Es geht heute nicht um Treffen, sondern um Loslassen. Das Denken lassen, den Stress vergessen, einfach LOSLASSEN eben. Da ist es unwichtig, ob das Ziel getroffen wird, keiner verfehlt das Ziel.

Eine Kollegin bittet Harry, von sich zu erzählen und er berichtet uns seinen spannenden Lebenslauf. Wie er als junger Banker an allen Weltbörsen makelte, bis er in Tokio vom Chef ins ZEN-Kloster geschickt wurde. „Die sind ja total verrückt" dachte er, als ihm ein Mönch auf die Bitte nach einem weicheren Bett antwortete: „Schmerz ist nur ein Gedanke." Es dauerte Jahre, bis er für sich erkannt habe, was wichtig ist, um gesund zu bleiben. Er ärgere sich weniger, das sei nur „Energieverschwendung!" Und Blutdruckmedikamente brauche er seither auch nicht mehr. „Vergesst das Atmen nicht, der Atem ist euer engster Verbündeter! Ohne ihn lebt ihr keine 10 Minuten mehr..."

Deshalb üben wir jetzt weiter: „Einatmen - Pfeil aufnehmen, Ausatmen - Pfeil einrasten, in Ruhe einmal Ein- und Ausatmen, Einatmen - Bogenarm hochnehmen und zum Ziel schauen, in Ruhe einmal Ein- und Ausatmen, Einatmen - Hand zur Spannsehne führen, Ausatmen - Sehne spannen, LOSLASSEN, Einatmen - Arm vor dem Körper nach rechts führen..." Der Arm! Wieder nicht dran gedacht, aber wir sollen ja auch nicht denken.

Wir stehen lachend vor der Tür im pladdernden Regen. „Die Atmung nicht vergessen!" und „Energieverschwendung?" werden unsere neuen „Leitsätze". Und „LOSLASSEN" können wir jetzt auch, dabei dürfen wir sogar das Ziel aus den Augen verlieren, denn wir kommen auf jeden Fall an!

© Mariefu