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Oben ohne

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Oben ohne | story.one

Breitbeinig sitze ich auf der Pritsche. Die beiden Frauen im weißen Kittel schauen mich erschrocken an. „Wollen Sie sich das nicht nochmal überlegen?", fragt die jüngere. „Vielleicht bereuen Sie Ihre Entscheidung später." „Schlafen Sie drüber", schlägt die ältere vor, „morgen sehen wir weiter." Breitbeinig sitze ich da, fast trotzig entgegne ich ihnen mein „Nein! Es bleibt dabei. Sie kommt weg." Seit 27 Nächten denke ich darüber nach. Mein Entschluss steht fest.

Am nächsten Morgen ist es soweit. Schnell schaue ich nochmal hin, liebkose sie in Gedanken und versinke in traumlosen Schlaf. Nun ist sie fort. Und mit ihr drei bösartige Tumore, die mich zum Trotzkind gegen den Tod gemacht haben. Der Befund des Pathologen bestätigt meine Entscheidung. Ein vierter, von dem niemand etwas wusste, wäre unten bei der 6 ungestört weiter gewachsen, wenn ich dem Drängen der Ärztinnen nachgegeben hätte. Habe ich aber nicht. Zum Glück.

Anderthalb Jahre später. Wir treten endlich wieder eine größere Reise an. Die Macchia auf Chiappa duftet, als wäre nie etwas anders gewesen. Der Schweiß rinnt uns bei 36° im Schatten vom Kopf. Wir sind klatschnass, bis wir eine schöne schattige Nische für unser großes Zelt gefunden haben. Der letzte Hering versinkt mit stählernem Hämmern im Steinboden. Wir grinsen. Jetzt beginnt der Urlaub. Zuerst fliegen meine Schuhe in eine Ecke. Dann ziehe ich mich aus. Beim Hemdchen stocke ich kurz. Zuerst wickle ich mir den luftigen Pareo um die Hüften, dann hole ich tief Luft und ziehe das Hemdchen aus.

An der Stelle, wo sie früher war, befindet sich nunmehr eine zarte rosa Narbe. Sie beginnt unter dem linken Arm und endet am Sternum. Nichts wippt mehr, kein Schweiß bildet sich darunter. Die linke Seite fühlt sich glatt und weich an. Mich stört daran nichts. Es sind die erschrockenen Blicke anderer, die mich stören. Vor kurzem allerdings mussten dann doch alle lachen, als ich mit meinen Kindern im Spaßbad herum getobt bin. Da rutschte mir plötzlich die Silikonprothese oben aus dem Badeanzug und schwamm auf der Wasseroberfläche…

Heute gehe ich oben ohne, im wahrsten Sinne des Wortes! Auf dem Weg zum Strand weiß ich noch nicht richtig, ob es gut war, hierher zu kommen, auf den FKK-Platz und so zu tun, als wäre alles wie vorher. Ich suche einen etwas ruhigeren Fleck am Strand und plötzlich steht sie vor mir. Wir schauen uns zunächst erstaunt an. Sie trägt ihr braunes Haar halblang und offen. Es fällt über ihre Schulter und endet kurz oberhalb der zarten rosa Narbe auf der linken Seite. Wir sehen uns in die Augen, braune in blaue. Meine blonden Haare glänzen in der Sonne, meine Augen auch. Die Magie des Augenblicks umfängt uns, bis wir endlich grinsen. Und dann beginnen wir zu lachen, immer lauter, herzhaft, befreiend. Es tut so gut. Schwestern im Kampf gegen den Krebs. Wir sind noch da. Wir sind erfüllt von Freude über das Leben, das uns in jeder Sekunde gegönnt ist. Wir können miteinander lachen. Und- wir sind schön, wir Frauen oben ohne...

© Mariefu 11.08.2020

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