Was kümmert's mich...

Es regnet. Im norwegischen Bergen ist das so ziemlich normal. Wir fahren an einer Haltestelle vorbei, als eine ungepflegte Frau zusammen bricht. Sie hat einen epileptischen Anfall. Die Umstehenden entfernen sich rasch oder schauen weg. Wir halten an und steigen aus. Gerade erwische ich noch jemanden, der bereit ist den Krankenwagen zu rufen. Wir lagern die Frau, Decken und Kissen haben wir dabei. Es kommt kein Arzt. Die Sanitäter springen aus dem Transporter und drängeln uns zur Seite. Mit Körperkontakt. Kein Wort. Nicht mit der Frau noch mit uns spricht man. Sie wird "verfrachtet". Ich frage ob sie Informationen möchten, zum Hergang, zur Ausprägung und Länge des Anfalls, zum Puls, zur Versorgung? Genervte Blicke treffen uns, man kenne die Dame, es sei nicht das erste Mal. Ach so, das rechtfertigt diesen Umgang also. Wir nehmen die verschmutzten Decken vom Asphalt und erschrocken sitzen wir nebeneinander.

Auf meinem Heimweg fährt ein Auto vor mir plötzlich Schlangenlinien, kommt von der Straße ab und landet in einem Hang. Sofort bremse ich und schaue, wie es den Insassen geht. Ein kleines Mädchen sitzt hinten und schreit. Die Mutter ist eingeklemmt, die Tür lässt sich nicht öffnen. Während ich das Mädchen befreie und tröste frage ich mich, warum ich alleine bleibe. Ein Auto nach dem anderen fährt einfach vorbei. Wenigstens hat jemand den Notruf gewählt und die Helfer sind wenige Minuten später vor Ort.

Im Hollandurlaub diesen Sommer fährt eine Gruppe Senioren vor mir auf dem Fahrrad eine schmale Deichstraße entlang. Sie biegen scharf nach rechts ab, um auf den Deich zu gelangen. Der letzte Herr schafft die Kurve nicht und stürzt. Er fliegt vornüber den Lenker, es sieht grausig aus. Ich springe aus dem Auto, laufe zu ihm und bevor ich ihn nach seinem Befinden fragen kann, setzt ein Hupkonzert an. Während ich den Verletzten mit Verband versorge beobachte ich aus dem Augenwinkel, wie ein Fahrer hysterisch versucht, sich am Stau vorbei zu zwängen. Bedauerlicherweise ist nicht genug Platz, sodass er beinahe zwei Autos demoliert. Hallo? Ich staune. Glücklicherweise kann der ältere Herr nach wenigen Minuten wieder auf sein Rad steigen und die Tour fortsetzen. Die Straße ist wieder frei, aber ich brauche noch ein paar Minuten an der Seite.

Heute bin ich in unserem Einkaufszentrum gefallen. Es ist nass, trotz guter Schuhe für dieses Wetter rutschen mir unversehens die Füße weg und ich sehe einen Weihnachtsbaum von unten. Einige Kugeln zerspringen und ich zerschneide mir die Finger. Die rechte Seite wird später von oben bis unten dick und blau, der Hals scheint gezerrt zu sein. Doch abgesehen davon schmerzt mich viel mehr, dass mindestens vier Menschen regungslos an mir vorbei gegangen sind. Und eine Angestellte hat wortlos die Scherben beiseite geräumt.

Was kümmert's mich?

© Mariefu