Freiheit ist alles

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Freiheit ist alles | story.one

Vorab gesagt, ich bin bei glasklarem Verstand. Ich stelle weder die Schuhe in den Kühlschrank, noch vergesse ich das Gestrige zugunsten eines Elefantenhirns für das aus ferner Jugend. Damit das klar ist.

Ich vergesse fast täglich einmal die Maske. Vor zwei Tagen bin ich erstmals seit Anfang der Sicherheitsdiktatur zwei Stationen mit dem Bus gefahren. Maske vergessen, an der Tankstelle schnell eine besorgt, Bus erwischt, knapp. Kein Einstieg vorne, kein Ticket beim Fahrer, Absperrung mit rot-weißen Plastikbändern. Baustelle. Maskiert schwarz gefahren.

Drei Mal schon habe ich jemanden begrüßen wollen und freudig"ja hallo"die Hand entgegengestreckt und reflexartig, wie mein Höflichkeitsreflex, schnellten beide Arme reflexartig in den Rücken. Zack. Fettnapf. Ich verliere meine Automatismen nicht und ich weiß nicht, ob ich mir deswegen Sorgen machen soll. Sobald ich aber den Hilfe- Hände-im-Rücken-Verschränk-Reflex automatisiert haben werde, dürfen wir uns vielleicht wieder die Hand geben. Hirntechnisch ist das schädlich, weil was, wenn die nächste Welle kommt? Schulz von Thun sagt: "Ein ewiger Sonntagsanzug der Höflichkeit und Friedlichkeit führt zu Friedhöflichkeit". Und lacht schelmisch.

Ich will leben! Ich will mich freuen, wenn ich jemanden treffe, den ich mag. Ich will nicht fragen "hast du Angst vor mir?", dann respektiere ich das, aber ich möchte dich lieber umarmen. Die Natur ist in voller Frühlingsüppigkeit und streckt sich dem Licht entgegen. Wenn wir die Sonne sehen, müssen wir sie uns ja scheinen lassen. Hilfe, was, wenn der nächste Winter kommt. Dann pflanzen wir lieber nicht. Wir leben jetzt! Dass wir wenig brauchen, um zufrieden zu sein, das haben uns viele schon vorgelebt. Lotte Tobisch hat immer gesagt, dass man die Menschen nicht kennen lernt, wenn es ihnen schlecht geht, sondern wenn es ihnen gut geht. Materiell vor allem.

Wenn die Räume zu sterilen Gefängnissen umgewandelt werden, markiert, Schichtbetrieb in den Schulen, Gruppe A MO/DI, Gruppe B MI/DO, dann krieg ich Takotsubo, Broken Heart-Syndrom-itis. Akut Atemnot. Ich war nie beim Militär, aber ich wäre jeden zweiten Tag in Arrest gewesen. Als Hommage an Italien, das ich so sehr vermisse, holen wir doch die Lebensart und das saper fare, die Kunst, wieder zu bauen, aus den einfachsten Zutaten Delikatessen zu zaubern, den Stil, den Sinn für das Elementare, die Melodie und die Eleganz des Südens in die Außenräume und machen wir una festa sui prati. Die norditalienische Atemnot schmerzt unendlich. Und noch eine Ikone, Miss elegantissima der Leinwand, Sophia Villani, "la Loren", antwortete auf die Frage von Journalisten, was denn aus der Weltperspektive gesehen die Schwächen Italiens wären: "Niente, nessun deficit. Siamo bravi noi italiani, sappiamo fare", und warf die Mähne in den Nacken. Souverän. Stolz.

Holen wir doch etwas davon in den Norden. Saper fare. Freiheit ist alles. Achtunddreißig Milliarden fließen irgendwo hin.

© marilena