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Pfadsünder

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Pfadsünder | story.one

Schon immer wollte ich etwas werden. Schlanker, eine weltberühmte Schriftstellerin, gute Tochter oder einfach nur besser.

So oft war ich unterwegs auf meinen Pfaden, die sich mittendrin plötzlich doch fremd anfühlten. Ich machte Rast auf halber Strecke, blickte darauf was bereits getan wurde, schaute voraus was mir noch bevor stand...und kehrte um. Von außen gesehen, waren das immer ganz banale Gründe, die mich etwas abbrechen ließen - mal mehr Appetit als Hunger, keine geniale Idee in meinem Umlaufbahn oder einfach besser doch nicht. Und je mehr ich anfing und nicht zu Ende brachte, desto mehr wurde aus mir nichts. Eine ewig lange Spur, etwas undeutlig und verwirrt.

Eines Tages rutschte ich aus. Auf der selbstgewischten Treppe im Haus meiner Oma. Ich fuhr auf meinem Allerwertesten Stufe für Stufe runter und landete wieder ganz am Anfang.

Manchmal braucht es eben einen Beinbruch. Einen perfekten Beinbruch und sieben langen Wochen. Sieben Wochen um mehr zu essen als man sich bewegen kann. Sieben Wochen, damit ein ewig gutes Mädchen endlich mal wieder Mamas Hühnersuppe und Omas Geschichten bekommt. Einfach so. Dabei stellte es sich auch heraus, dass mit einem gebrochenen Bein eine bessere Version von sich selbst zu sein war schon physisch gesehen schlicht unmöglich. Ich war gezwungen die meiste Zeit im Liegen zu verbringen und so entdeckte ich ganz unerwartet meine eigene Art mich selbst zu entdecken.

Ich nannte es "Teppich schauen".

Das Leben setzte (besser gesagt hängte) mir einen Wandteppich vor die Nase. Dieser Teppich im Schlafzimmer meiner Oma hatte ein wunderbares Muster, an dem ich schon tausende Male vorbei gelaufen bin und nie so wirklich wahrgenommen habe. Tagelang lag ich ganz still im Bett, lauschte einem mir bis jetzt unbekannten Radiosender und tauchte ein. Ich tauchte ein in die Farben, Linien und Ornamente. Manche Stellen gefielen mir unheimlich, manche waren einfach nur da und es wäre undenkbar sie aus dem Gesamtbild herausnehmen zu wollen, weil alles miteinander verbunden war. Präzise und wunderbar.

Ich geriet in diesen farbenfrohen Sog, dem gebrochenen Bein und der Anziehungskraft des Wandteppichs völlig ausgeliefert und auf eine erstaunlich einfache Weise war ich wieder da. Keine weltberühmte Schriftstellerin, eher von kräftiger Statur, nicht besser als gestern aber völlig ok. Langsam dämmerte es mir, dass etwas zu werden ist vielleicht sogar einfacher als umzukehren. Um zu bleiben, wie man ist. Denn wenn es Abend wird, ist der Tag bereits vorbei...

Ich würde sagen, ich stehe mittlerweile wieder mit beiden Beinen fest im Leben und nun ja, ich fülle die Tage. Mit etwas Kochen, etwas Schreiben und etwas Ich-selbst-sein.

© Marina Baumann 05.04.2020

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