Die wandelnde Klobürste - mein Werbealltag

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Wie es sich für eine Werbeagentur gehört, haben wir ein ziemlich modernes Büro. Die Wände sind in unterschiedlichen Höhen mit Glasscheiben durchbrochen. Grundsätzlich ja eine schöne Idee. Aber in meinem Büro befindet sich eines der Fenster auf Hüfthöhe, so dass ich all unseren Kunden auf dem Weg zum Konferenzraum zwangsläufig auf den Hintern schaue. Und das ist in den seltensten Fällen ein freudiger Anblick.

Kürzlich spazieren wieder einmal zwei Kehrseiten an besagtem Fenster vorbei, gefolgt von dem mir bereits bekannten Hinterteil unseres Art Directors. Sie verschwinden im Besprechungszimmer.

Ca. 30 Minuten später höre ich, wie sich die Tür des Konferenzraums öffnet. "Das ging aber fix", denke ich mir und bereite mich mental darauf vor, eine Parade an Bäuchen an meinem Büro vorbei flanieren zu sehen.Doch es handelt sich um falschen Alarm, denn von Bäuchen weit und breit keine Spur. Dafür höre ich die Tür des Kunden-WCs, das sich direkt neben meinem Büro befindet. Also wieder volle Konzentration auf die Arbeit.

Meinen Blick auf den PC gerichtet, sehe ich plötzlich im Augenwinkel eine Bewegung. Ich schaue zum "Hinter(n)fenster", doch da ist nichts.

"Merkwürdig", denke ich mir und wende mich achselzuckend dem Monitor zu. Ha! Da war es schon wieder. Irgendetwas Weißes ist kurz an der Scheibe vorbei gehuscht. Ich blicke Richtung Flur, doch wieder ist nichts zu sehen. So langsam glaube ich schon an Halluzinationen.

"Ich brauch' mehr Kaffee. Viel. mehr. Kaffee!" denke ich mir, denn anders kann ich mir das Ganze nicht erklären. Ich greife also zu meiner Kaffeetasse, schiebe meinen Bürosessel zurück und als ich gerade kopfschüttelnd meinen Weg in die Küche antreten will, erstarre ich mitten in der Bewegung. Da ist es wieder! Etwas Weißes, Stacheliges hüpft am Fenster zum Flur vorbei. Langsam bewegt es sich am unteren Rand der Scheibe entlang von links nach rechts.

Ich trete vorsichtig einen Schritt nach vorne, um mir das Ding genauer anzusehen. In dem Moment hält auch das seltsame Wesen inne. Als hätte es mich bemerkt. Doch nach ein bis zwei Sekunden führt es seinen Weg fröhlich hüpfend fort. Ich starre wie gebannt darauf, wie es sich dem rechten Fensterrand und somit auch meiner geöffneten Bürotür nähert. Meine Hände umfassen die Kaffeetasse fester, als das stachelige Etwas hinter der Wand zwischen Fenster und Türrahmen verschwindet. Nur um kurz darauf in ca. 5o cm Höhe in der Türöffnung zu erscheinen. Langsam schiebt es sich nach vorne. Hinten aus dem Ding ragt ein weißer Stab. Und am Ende davon - eine kleine Hand. Mir fällt vor Schreck fast die Tasse aus der Hand.

Doch das Ganze löst sich im nächsten Moment auf, als ein kleines Mädchen im Alter von ca. 3 Jahren fröhlich mit einer Klobürste wedelnd in meinem Türrahmen steht. Und da kommt auch schon der männliche Kundenbauch schwungvoll den Flur entlang. "Was machst du denn da?", ruft der Bauch. "Putzen", antwortet die Kleine ernsthaft und saust mit der Klobürste den Flur entlang.

© MarioRossi