Überrascht von mir (zu lesen)?

Ich bin verblüfft Dich hier zu sehen! Warum schaust Du her und liest gerade meine Geschichte? Ich bin überrascht.

In den letzten Wochen passiert mir das häufiger - plötzlich überrascht zu werden. Beispielsweise von der Kollegin, die mir spontan Blumen schenkt. Und vom Künstler, der meinen Gesichtsausdruck auf einem weißen Blatt Papier illustriert oder von der Musikband, die den Jazz spielt, von dem ich nicht wusste, dass er mir gefällt. Seit meinem 30. Lebensjahr sage ich überheblich: „Alles schon gehabt, alles schon gesehen. Nix kann mich mehr überraschen!“ Aber vielleicht ist es nicht ein zu viel an Lebenserfahrung, sondern mein Bestreben, Irrwege zu vermeiden? Versuch und Irrtum haben mir wertvolle Erfahrungen geschenkt, ich verwob sie zu einem Muster und aus diesem ergeben sich meine Routinen. Aus ihnen breche ich nicht freiwillig aus. Denn nichts ist so bequem, als mich entlang meines Erfahrungswissens zu bewegen: Ich bestelle was mir schmeckt, ich plane Aktivitäten die mir wissentlich Freude bereiten, ich treffe jene Menschen, die mir ähnlich sind. So gelingt mir alles. Immer auf die gleiche Weise - überrascht werde ich jedoch nicht! Weder im Guten noch im Schlechten, das bedeutet kein Risiko aber auch keine Innovation. Ich bin beruhigt, denn ich glaube, ich bin mit meinem Verhalten nicht alleine. Die Generationen X, Y & Z kennen das, trotz vor sich hergetragenem Individualismus. Man entgegnet Routinen mit hippen Fotos auf Blogs und Abenteuerfernreisen. Die Jugend will immerzu Neues entdecken, von Ort zu Ort ziehen und jeden Tag neu designen. Man sammelt Ereignisse, reiht Erlebnis an Erlebnis und spannt den roten Faden im Leben mit neuen Eindrücken. Vielleicht ist das schon Überraschung? Die Unterbrechung von Routine-Handlungen. Aber wollen wir nicht vielleicht letztendlich doch ein bisschen mehr sein als Überraschte? Wäre es nicht unendlich schön, könnte man selbst überraschen?

Mit Humor, mit Leichtigkeit, wenn alles schwer erscheint oder mit Einfachheit, wenn die Welt komplex anmutet? Ich wünsche mir, eine Emotion zu wecken, die ohne mich in diesem Moment weiterschläft. Und ich möchte gerne der Grund sein für ein Verhalten, welches es ohne mich in dieser Weise nicht gibt. Ich erhoffe mir das für mein Umfeld, meine Freunde, meine Eltern, meinen Partner. Alle möchte ich überraschen und leise flüstern: „Komm raus aus deiner Komfortzone!“ Zugegeben, nicht immer gelingt das. Aber überrasche ich - dann mit Liebe. Denn sie setzt meine Fähigkeit und meine Bereitschaft voraus, einen Menschen auch wirklich überraschen zu wollen!

© Marlene Suntinger