Wenn der Körper einmal zuckt

Eine Geschichte zum Einschlafen.

Jeder hat eine Gabe. Ich kann Schlafen. Immer. Überall. Sofort. Ich schlafe im Zug unter Reisenden, im Bus als Fahrgast, oder im Wagen neben Freunden. Ich schlummere bereits nach der Ortsausfahrt. Für alle sichtbar rutscht mein Kopf in eine unnatürliche Haltung und ich disqualifiziere mich als unterhaltsame Reisebegleiterin. Dagegen kann ich mich nicht wehren. Die Landschaft, die an mir vorbeifliegt ruft förmlich: „Augen bitte schließen!“ und gerne folge ich dem Ruf. Denn dieser kurze Moment des „Weg-Dösens“ ist ein Geschenk, das ich, von wem auch immer, erhalten habe. Besonders abends huldige ich diesem Moment: Unter die Decke schlüpfen, meinen Körper in Position bringen, meine Beine bis an die Bauchdecke anwinkeln, einmal links und rechts drehen. Dann noch die Tuchent unter eine Achsel zwicken und schon sinkt mein Kopf in das Kissen. Ich atme tief aus…jetzt kann es losgehen. Oder nein, eigentlich beende ich jetzt, drehe meine Gedanken ab und mein Körper schaltet in den Standby-Betrieb.

Mein Körper zuckt. Es ist wie ein sanftes Sterben. Ich bin losgelöst, sorgenlos und frei. Nur sehr selten gelingt ein schnelles Einschlafen nicht. Wenn die Katze oder der Freund mir diesen so einzigartigen Moment stehlen. „GGGrrrrrrr!!“ ich ärgere mich über den verpassten Absprung ins Träume-Land. Ich habe dasselbe Gefühl, als ob man mir den Inhalt eines Geschenks verrät bevor ich es öffne. Meine Freude hat sich in Luft aufgelöst, ist einfach weg. Was bleibt mir übrig? Ich bette mich also neu, merke aber: so einfach wie beim ersten Anlauf ist es nicht mehr. Mein Freund beobachtet mich, schmunzelt und sagt: „Unter den Schläfern bist du Cristiano Ronaldo: Du kennst alle Tricks, bist gut in Form und immer im Training – du wirst wieder einschlafen!“ In diesem Moment erinnere ich mich daran, als ich noch ein kleines Mädchen war. Ich ging gerne früh zu Bett. Nur selten diskutierte ich mit meinen Eltern über ein längeres Aufbleiben. Ich erwartete diesen Augenblick des „Hinübergleitens“ fast immer mit Freude. Kämpfe beim Einschlafen gab es nur mit meiner Schwester. Die konnte mir alles richtig verpatzen: Im falschen Augenblick das Licht angedreht, darauf los „getratscht“, oder die Türen am Weg zum Klo zugeknallt – schon lag ich wieder munter im Bett. „Dagegen kann man sich nicht schützen, sondern nur abschotten“, dachte ich bei mir. Ich habe die Decke über die Augen gezogen und alle Fragen ignoriert. Ganz nach dem Motto: „Wenn’s ‚ungemütlich wird‘ einfach weghören“. Für ein Kind das einschlafen will ein probates Mittel, für Erwachsene nicht. Sie tragen Verantwortung. Immer. Oder fast immer. Denn auch für sie gibt es die Schlupflöcher. Wie jenen kleinen Moment, den ich so liebe, wenn der Körper zuckt und in eine andere Welt gleitet.

© Marlene Suntinger