Das Lächeln des Neil Armstrong

Es heißt ja immer, einschneidende Erlebnisse in der Kindheit prägen ein ganzes Leben – ich kann sagen: Für mein Leben stimmt das ganz sicher.

Ich war grad mal in der Schule und hab lesen und schreiben gelernt. Das mehr schlecht als recht, denn all meine Aufmerksamkeit war gefangen von Apollo 11. Ich würde sagen, ich war Mondlandungs-süchtig. Vor dem Einschlafen ein letzter Blick auf die große Saturn-5-Rakete aus Pappe direkt neben meinem Bett. Am Morgen begierig jeden Artikel in der Zeitung aufgesogen, und wenn was im Fernsehen kam, hab ich alles um mich herum ausgeblendet. Völlig klar, wenn ich mal groß bin, dann werde ich Astronaut.

Nun, das hab ich offensichtlich nicht geschafft. Auch mein großer Lebenstraum, einmal schwerelos zu sein und auf die Erde herunterzuschauen, wird sich vermutlich nicht erfüllen... aus Geldmangel, vor allem aber auch, weil meine Frau was dagegen hätte.

Aber ich war meinem Traum schon sehr nahe. Denn ich durfte Neil Armstrong, den großen Hero meiner Kindheit, persönlich kennenlernen und ganz allein Zeit mit ihm verbringen. Ich war damals bei ServusTV, und wir hatten ihn in den Hangar-7 eingeladen.

Was war ich aufgeregt! Und dann steht er vor mir. Ganz ehrlich, ich hätte ihn fast nicht erkannt. Aus dem schneidigen Mondfahrer von damals war ein 80 Jahre alter Mann geworden, Typ freundlicher Opa. Kräftiger Händedruck und, ganz der Ami, natürlich in Karohemd und Turnschuhen. Eines war ihm aber all die Jahre geblieben: Dieses typische Lächeln, das ich von seinen Fotos her kannte.

Wir zwei schlendern durch den Hangar. Als ausgebildeter Pilot interessiert er sich für jede einzelne Maschine, aber vor einer bleibt er besonders lange stehen. „Die bin ich damals im Korea-Krieg geflogen“, lächelt und geht dann weiter.

Nach dem Rundgang machen wir Pause und kommen ins Plaudern. Besser gesagt, ich löchere ihn mit Fragen... und er lässt die Kaskade lächelnd über sich ergehen. Ein paar Antworten sind für immer in meinem Gedächtnis: „Wenn du von da oben auf die Erde herunterschaut, dann siehst du, wie klein und zerbrechlich sie ist.“ Oder: „Wir Menschen müssen etwas riskieren.“ Dabei deutet er auf sein Handy und meint damit, dass der Bordcomputer der "Eagle" nur einen Bruchteil dessen konnte wie ein Mobiltelefon heute. Und er lächelt wieder, weil „trotzdem alles gut gegangen“ ist.

Irgendwann dann natürlich die Fragen aller Fragen. „Waren Sie wirklich auf dem Mond?“ ... Kleine Pause. Er kennt natürlich all die Verschwörungstheorien, dass Apollo 11 in einem TV-Studio getürkt worden sein soll. ... „You never know“, lächelt er verschmitzt. Wieder eine kurze Pause ... „Natürlich waren wir da. Die Russen haben uns total überwacht. Glauben Sie wirklich, die hätten nichts gesagt?“

Zwei Jahre nach unserem Treffen ist Neil Armstrong dann auf seine letzte Reise gegangen. Aber wann immer ich den Nachthimmel betrachte, und das tue ich wirklich oft, sehe ich den Mann im Mond. Und er lächelt. So wie Neil Armstrong.

© Martin Blank