Windstill droht der Tod

Der langweiligste Tag in meinem Leben wäre fast mein letzter gewesen.

Der Chiemgau ächzt unter 36 Grad Sommerhitze, der See ist spiegelglatt, nicht der kleinste Lufthauch. An Bord dümpeln Werner, Max und ich so vor uns hin. Werner ist zum ersten mal überhaupt beim Segeln und mault die ganze Zeit rum. Segeln sei echt langweilig, so ganz ohne Wind. Gott sei Dank haben wir Bier eingepackt.

Es ist jener Sonntag in den 90ern, als ein Orkan beim Leichtathletikfest in Zürich diese dicke Stabhochsprungmatte durchs Stadion wirbelt und die Veranstaltung sofort abgebrochen wird.

Wir drei auf dem Boot haben natürlich keine Ahnung davon. Mühsam paddeln wir uns Richtung Fraueninsel. Der Hackbraten beim Inselwirt ist legendär, das Bier schmeckt großartig, und der Himbeergeist auch. So warten auf Wind, Stunde um Stunde.

Nachts um elf sperrt der Wirt zu. Noch immer totale Windstille, also müssen wir wieder paddeln, abwechselnd macht jeder 300 Schläge. Das Bier macht jetzt müde statt lustig.

Nach über drei Stunden ist der Steg - endlich! - nur noch ein paar Meter entfernt. Doch plötzlich... Ein Hauch von Wind kräuselt die Wasseroberfläche. Gänsehaut. Kommt da tatsächlich Wind auf...? Wir machen noch einen Schlag raus. Werner soll spüren, wie schön Segeln MIT Wind sein kann.

Es ist ein Traum. Das Wasser gurgelt jederzeit am Bootsrumpf vorbei, die Segel knattern leise im Wind, so fühlt sich Glück an. Aber nur kurz. Wir geraten mitten auf dem See in den schwersten Orkan der letzten 30 Jahre.

Innerhalb von Sekunden peitscht der Wind die Wellen auf. Der Orkan prügelt uns übers Wasser, absoluter Kontrollverlust. Werner krallt sich am Rumpf fest, Max kann die Pinne nicht mehr halten, und ich bin panisch, weil der Sturm bald die Wanten zerreißt. Zum ersten mal in meinem Leben spüre ich Todesangst. Man sagt ja immer, in Lebensgefahr schießen einem Bilder aus der Vergangenheit durch den Kopf. Es stimmt. Aber es fühlt sich überhaupt nicht gut an.

Wir jagen quer über den See auf eine kleine Bucht zu. Wenn wir kentern, könnten wir ertrinken. Max Rat an Werner: Falls du im Wasser unter einem Segel landest – halt die Luft an, verlier nicht die Nerven und taste dich langsam in eine Richtung bis zum Ende vom Segel! Und vergiss alles, was an Bord ist – Uhr, Geldklammer, Ausweis. Alles nicht wichtig und bringt dir eh nichts, wenn du tot bist. Die weit aufgerissenen Augen von Werner sehe ich heute noch – riesig und schneeweiß.

Wir saufen ab, aber schaffen's irgendwie ans Ufer. Aber jetzt ziehen dir der Wind und die patschnassen Klamotten den letzten Funken Wärme aus dem Körper. Vier Kilometer Fußmarsch sind's zum Auto, aber auf halben Weg liegt ja die Autobahn-Raststätte. Schon die Aussicht auf einen Schluck heissen Kaffee wärmt.

Aber der Wirt schmeißt uns einfach wieder raus. Wir stinken schlimmer als jede Kloake. Denn der Orkan hatte nicht nur uns, sondern auch die ganzen Abwässer im See in unsere kleine Bucht getrieben.

Werner war nie wieder mit uns segeln.

© Martin Blank