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Allerheiligen

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Allerheiligen | story.one

Dunkel wird es. Zeit der Trauer. Zeit der Melancholie. Zeit des Nachdenkens. Zeit der Rückschau. Und zunächst: An Allerheiligen sind in der Dunkelheit die Lichter auf den Gräbern sichtbar.

Mein Opa, 1993, 90 Jahre alt. Hatte einen Infarkt, Notfalleinweisung in ein Frankfurter Krankenhaus. Ich habe ihn geliebt. Als ich ein kleiner Junge war, kam er immer samstags zu Besuch, ein wunderschöner Tag, lustig, voller Zuneigung. Abends ging es regelmäßig zu Ende mit dem gemeinsamen Schauen von "Daktari" (kennt das noch jemand?). Im Anschluss haben wir ihn zur Straßenbahn gefahren, ich durfte vorne sitzen, im Radio "Wunschkonzert" des Hessischen Rundfunks (wundersamer Weise auf dem Rückweg von der Straßenbahnhaltestelle immer die "Leichte Kavallerie"). Schon dann war ich - immer!-in Erwartung des nächsten Samstags. Als er schließlich 1993 ins Krankenhaus kam, hat er nicht lamentiert - es ging ihm nicht gut -, sondern die Schwestern gelobt; "So oft wie hier die Bettwäsche gewechselt wird, kenne ich das aus keinem Hotel". Er lag letztendlich im Sterben, der Großteil der Familie um ihn versammelt, und konnte nichts mehr sagen, konnte nicht mehr sprechen (ich glaube, verstehen schon), ich fasste mit meiner Hand seine Stirn. Es ging über Stunden, mein Vater holte Käseweckerl. Dies nicht aus Flucht vor der Realität, sondern weil "Sterben zum Leben gehört". Dreierlei habe ich mitgenommen: Ich habe meinen Opa wirklich geliebt, man kann erfüllt und bereit für den nächsten Schritt (was auch immer das bedeutet) sterben und man kann, wenn man es miterlebt, lernen, dass Sterben zu unserer Existenz gehört. Es war natürlich traurig, aber erfüllt, keine unbeantwortete Frage, keine Zweifel blieben.

Mein ehemaliger Nachbar aus Deutschland, 2018, 65 Jahre alt. Lebenslustig, ein wirklicher "Kumpel", zehn Jahre zuvor bei der Deutschen Bank ausgemustert. Man brauchte ihn als Investmentbanker nicht mehr, mit 55 Jahren jedoch, versehen mit lebenslanger materieller Sorglosigkeit, kein wirkliches Problem. Dann im Rahmen einer Routineuntersuchung erhöhte Leberwerte ("ok, weniger Vino!"), der Grund aber Lebermetastasen bei Lungenkrebs. Über die letzten Monate - es war klar, dass Therapie nur noch Aufschub, nicht aber Heilung bedeuten konnte - haben wir oft gesprochen. Letztlich hat auch er sein irdisches Lebensende akzeptiert. Aber: Ich hatte das Gefühl, er hat es, im Gegensatz zu meinem Opa, akzeptieren müssen und nicht aus sich selbst heraus verlautbart: "Es ist genug." Ich konnte mich wenige Tage vor seinem Tod von ihm verabschieden und hatte das Gefühl, dass er nun bereit war.

Seine Frau ist, vor wenigen Wochen, im gleichen Alter, bis kurz vor ihrem Tod nicht mit sich selbst im Reinen, gestorben. Quälende Fragen , Missstimmigkeiten und Diskussionen bis zuletzt.

So unterschiedlich kann das sein, denke ich mir. Und glaube, dass man sich sehr mit seinem Leben beschäftigen muss, um einmal zum Sterben bereit zu sein.

Allerheiligen.

© Martin Wald 2019-11-01

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