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An die ferne Geliebte

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An die ferne Geliebte | story.one

Meine Geliebte ist die Musik, das wissen hier schon einige. Ich mache sie immer wieder selbst, eines der schönsten Gefühle überhaupt. Ich höre sie auch gerne, sie ist Lebenselixier und Droge. Und natürlich ist es um so schöner, je besser sie klingt, die Konserve; auf Konserven sind wir ja angewiesen in dieser nun schon länger so besonderen Zeit. Streaminghighresqobuz, es kann nicht originalgetreu genug sein. Wie im Konzertsaal kann ich mich fühlen, passt nur das Equipment; nein, das ist im Wiener Musikverein, nicht in der Philharmonie am Gasteig, ich höre das, ganz eindeutig, ich lasse mich nicht täuschen. Ich will mich aber auch nicht täuschen lassen, verführen lassen möchte ich mich, verführen lassen von meiner Geliebten.

Nikolai Lugansky spielt Bach. Soll ich mir das geben, in nur normaler CD-Qualität, nichts ragt mit goldenen Batches heraus. 1990, live, im Moskauer Konservatorium - ein Schmelztiegel des Genialen -, da hätte ich eh nicht sein können, also gut. Es rumpelt ein wenig, wie aus der Ferne und doch, es dauert nur ein Augenzwinkern - oder ist es in diesem Fall ein Ohrenzwinkern? - und die Skalen der Chromatischen Fantasie reißen den momentanen Tüllvorhang, der meine Sinne in diesem Augenblick dämpft, mit fast roher Gewalt herunter. Dreihundert Jahre alte Musik in einer Aufnahmequalität, als würde hinter einem mottenzerfressenen brokatroten Samtvorhang musiziert, entfacht ein Feuer, das jede noch so moderne Brandschutzverordnung niederwalzen würde. Eine Feuerwalze der Musik. Der Imagination. Der Fantasie. Eine Feuerwalze, die auf so vieles abzielt, was abgelegt und verinnerlicht ist in meiner Seele.

Kennt ihr das? Man geht dahin durch irgendwelche Straßen und aus der Ferne, von ganz, ganz weit entfernt erklingt eine Melodie, wehen Akkorde herbei. Wunderschön, denkt man, wunderwunderschön, denke ich. Je näher ich komme, je mehr ich höre, um so mehr regt sich der Kritiker in mir. War da nicht die Intonation nicht ganz perfekt? Der Klang, na ja, vom Rhythmus sprechen wir jetzt einmal nicht. Der Zauber wie ausgelöscht.

Nein, ich selbst möchte brennen, in diesem Fall, ich möchte nicht gelöscht werden. Meine Erinnerung, meine Fantasie wird beflügelt durch diese Klänge, so dass nicht ich, sondern nur die Unzulänglichkeiten gelöscht, ausgelöscht werden. Nicht der Zauber entflieht, sondern das Manko. Wie? Werdet ihr euch fragen. Ganz einfach! Antworte ich euch. Ich höre die Essenz dessen, um das es geht und alle Unzulänglichkeiten - woher auch immer - spielen sofort keine Rolle mehr. Erfahrung und Erinnerung, die Fehlendes ergänzt, Raues glättet und alles zusammenführt zu einem inneren Bild.

Für scharfen Verstand, Diskurs und Information habe ich plädiert. Zuviel Information jedoch, insbesondere nicht relevante Details, können den Blick verstellen auf das große Ganze und lassen nicht mehr zu, dass man Fehlendes aus dem Fundus der eigenen Erfahrung ergänzt.

An die ferne Geliebte. Beethoven war taub.

© Martin Wald 09.04.2020

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