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Bach am Ende des Weges

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Bach am Ende des Weges | story.one

Ich habe Dienst in der Inneren Notfallaufnahme eines Frankfurter Innenstadtkrankenhauses, vom Unbedenklichkeitsschein für das horizontale Gewerbe über den Akutinfarkt bis hin zur Reanimation von Menschen mit Überdosis reicht das Spektrum. Ich bin Student und, wie damals üblich, ins kalte Wasser gekippt worden. Samstagabend, dreißig Grad, schwarze Wolken und doch kein erlösendes Gewitter, drückend, auch durch die geöffneten Fenster. Diese ganz spezielle, unheilvolle Stimmung. Flirrende Unruhe. Eine Rettung nach der anderen, ein Patient nach dem anderen. Der Schweiß rinnt, die bestellte Pizza im grünweißroten Pappkarton längst zäh und kalt, jetzt nix Francesco. Der kleine Fernseher im Aufenthaltsraum entlässt flimmernde Sinnlosigkeit. Kalte Pizza möchte auch meist nicht fernsehen, zumal der Karton noch geschlossen ist.

Eine weitere Trage wird hereingeschoben von eher derben Gesellen der Berufsfeuerwehr, die gelegentlich auch die Rettungswagen besetzen müssen. Sinngemäß ertönt: "Die Oma machts net mehr lang!" und ich erblicke eine feenhafte greise Dame im weißen zarten Nachthemd mit ebensolchen langen Haaren. Die Haut gelb. Pankreaskopfkarzinom, eine Diagnose als Guillotine. Ich begrüße sie und in all der Hektik verfangen sich unsere Augen ineinander. Diese vier Augen begrenzen den Raum und bremsen die Zeit, Naturgesetze werden empfindsam außer Kraft gesetzt. "Ich war Cellolehrerin" war das Erste, was sie mir erzählte, "ich weiß schon lange, dass ich sterben muss. Ich bin bereit. Bitte können Sie mir helfen dabei, dass nichts Unnötiges mehr geschieht!" Als Rookie werde ich überspült von dieser Welle der Lebenserfahrung, werde durchgeschüttelt und dennoch gehe ich nicht unter. "Ja!" antworte ich und wir kommen ins Gespräch. Wir teilen auch und gerade in diesem Moment - Stoffvorhänge und weitere Patienten rechts und links, grellweißes Neon von oben - unsere Liebe zur Musik. Zwischen den Stofffetzen der Kojen ertönen nun plötzlich die Arpeggien und Akkorde, das getragene Lamento der Bach-Solopartiten. Wir summen uns leise die Hauptthemen vor, den Rest ergänzt der wache Geist. "Ob ich noch einmal, ein einziges Mal eine Bach-Partita hören könnte?" Ich rufe einen Kommilitonen in der Nähe an, die CD ist schnell besorgt. Im Haus finden wir tatsächlich einen alten portablen CD-Player. Es fühlt sich an wie das Grammophon in "Out of Africa", nur dass Bach erklingt und nicht Mozart. Es ist auch keine Liebe in der Blüte, sondern am Ende des Lebens. Und trotzdem ist es gleich. Himmelsmusik. "Bewahren Sie sich die Musik, bewahren Sie sie ihr Leben lang!" spricht sie und: "hätten Sie noch eine Molle mit Kompott?" Das Bier haben wir ihr illegalerweise besorgt, das mit dem Korn haben wir nicht geschafft, das war aber auch nicht mehr so wichtig. "Bewahren Sie sich die Musik!" In den frühen Morgenstunden ist sie gestorben, die Gesichtszüge ganz entspannt.

Mein Sohn spielt Cello ohne dass ich es ausgesucht hätte.

© Martin Wald 01.07.2020

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