skip to main content

Bilder

  • 181
Bilder | story.one

Du sollst dir kein Bildnis machen ... Dieses biblische Gebot passt eigentlich nicht zu dem, was ich niederschreiben möchte, denke ich erst und dann: doch!, diese starken Worte vertragen eine kleine Sinnentfremdung.

Schon seit jeher bin ich kein großer Freund von Fotografien zu jedem Anlass - "Wir haben ja noch überhaupt kein Bild gemacht!", als ob es - nur - darauf ankäme, einen Moment, einem Beweis gleich, der Nachwelt zu erhalten, bildlich. Sicher hat das auch seine schönen Seiten, aber der Reihe nach ...

Als Kind habe ich einen ausgedienten Fotoapparat mit Balgenmechanik geschenkt bekommen, schwarz-weiß natürlich. Ich war glücklich, habe mir aber jedes Motiv, jedes Bild ganz genau ausgesucht, aussuchen müssen; Filme und Abzüge waren schließlich teuer. Und warten musste man, lange, bis die Abzüge fertig waren und auf gelungene Bilder hoffen. Besonderes, Schönes sollte erinnert werden.

Zu meiner Hochzeit, ein wunderschöner Tag, wurden - wer kennt es nicht - hunderte von Bildern gemacht, in jeder nur erdenklichen Konstellation. Ein Bruchteil dessen hätte für eine wunderbare Rückschau genügt. Auf Familienfeiern inzwischen das Gleiche: Personen in jeder möglichen Kombination, aber auch Dekoration, Buffets, schlicht alles, was nicht vor der - mittlerweile - Handykamera flüchten kann: Wird eingefangen! Im wahrsten Sinne des Wortes. Am Vorspielabend in der Musikschule richten Eltern ihr Handy auf ihren Sprössling, ob Foto oder Video, was zu der oft grotesken Situation führt, dass sie ihr musizierendes Kind nur noch auf dem Bildschirm erleben. Ist der Auftritt im Kasten, geht man nach Hause, andere Vortragende erscheinen weniger interessant. Vom Hören möchte ich bei der Konzentration auf die ach so wichtige Bildqualität gar nicht reden.

Unser ganzes Leben ist mittlerweile davon geprägt, sich in Bildern der Umwelt mitzuteilen. Das eigene Leben als optische Pose.

Bin ich altmodisch oder gar schlicht zu alt?

Ich möchte ab und an eine schöne Erinnerung behalten, auch in Form eines Bildes. Ich möchte aber - vor allem - im Moment gegenwärtig sein, mich mit Verwandten auf Feiern austauschen, hören wie in der Musikschule musiziert wird. Es einfach im Jetzt erleben und die Musik nicht nachher wieder und wieder als Konserve abspielen.

Der goldene Oktober ist gerade vorbei. Was hielt dieser für schöne Motive bereit? Das Herbstlicht, die fallenden Blätter, der einsetzende Nebel. Aber ein Bild riecht nicht, es lässt einen keine Temperatur fühlen, keinen Windhauch, keine Tropfen, die von den Bäumen fallen.

Und ich möchte die Vögel hören auch ...

© Martin Wald 2019-11-04

Kommentare

Bisher gibt es keine Kommentare.

Jede*r Autor*in freut sich über Feedback! Registriere dich kostenlos,
um Martin Wald einen Kommentar zu hinterlassen.