Die Orange

  • 281
Die Orange | story.one

In der letzten Klasse vor der Oberstufe hatte bei uns am Gymnasium eine gemeinsame Skifahrt im Februar Tradition. Spannend: als Hesse noch nie auf Skiern gestanden, alle zehnten Klassen meines Gymnasiums in Bussen auf dem Weg nach Südtirol, Meransen das Ziel, auf dem Weg (im abendlichen Schnee der letzten Kilometer musste unser Bus Schneeketten aufziehen) brach sich unser Mathegenie beim Aussteigen aus dem Bus den Fuß (bezeichnend! Lässt sich nicht berechnen!), schließlich im Dunkeln in unserer Pension angekommen.

Am nächsten Tag die Pracht der Dolomiten, auf der Plose das erste Mal Ski unter den Füßen: gar nicht so schlecht, macht Spaß! Fahren bis zum Mittag, fröhlich, schon etwas erschöpft. Alle sitzen beim Mittagessen - die Spaghetti schlecht, aber um so teurer -, als mich J. schüchtern anspricht, ob ich ihr 50 Pfennig (oder ein paar Lire - ich weiß es nicht mehr so genau) leihen könne, sie habe nicht genug Geld für´s Mittagessen eingesteckt. Natürlich konnte ich; im Anschluss an das Mittagessen kam sie zu mir und teilte ihre mitgebrachte Orange mit mir ...

Nachmittags war ich allein auf unserem Zimmer der Pension, das Skifahren war für diesen Tag beendet, zur abendlichen Disco noch ein paar Stunden hin, alle Zimmergenossen unterwegs. Die Pension: der Geruch nach jahrelangem Fritieren, etwas feuchten Skiklamotten, grüner Nadelfilz am Boden, helles, abgewohntes Holz ... Da klopft es an unserer, zur Zeit meiner, Tür: "Ich bin´s, möchte dir deine 50 Pfennig zurückbringen, danke ..." Wir saßen da, schüchtern, aber bestimmt in unseren Gefühlen, und irgendwann hielten wir, ganz vorsichtig, unsere Hände ... In diesem Moment stürmten die Mitbewohner ins Zimmer und, ganz vorsichtig ausgedrückt: der momentane Zauber verflog von jetzt auf gleich ...

Das Gelächter trennte unsere Zweisamkeit für den Rest der Skifahrt - äußerlich. Dennoch ließen sich zwei schüchterne, sensible Seelen nicht trennen. Nach außen zurückhaltend, innerlich aber sicher und erfüllt kehrten wir zurück und verlebten den anschließenden Frühling und Sommer verbunden und gemeinsam. Meine Erinnerungen: sie eine halbe Holländerin, blond, scheu und trotzdem selbstsicher, zuhause bei ihr dunkles Mobiliar, Ruhe, Tee und Schokolade. Lange Spaziergänge mit dem Hund, warmer Sommerwind, das Reifen der Felder ...

2012 dann dreißigjähriges Abijubiläum. Ich bin zu diesem Zeitpunkt in der alten Heimat und beschließe, hinzugehen. Schön, nach dieser langen Zeit die alten "Weggefährten" wiederzusehen (interessant übrigens: bei der Hälfte hatte ich das Gefühl, sie gestern zuletzt gesehen zu haben, bei der anderen Hälfte hatte ich Mühe mit dem Namen ...). J. war auch da, vor dreißig Jahren zum letzten Mal gesehen (oder war es gestern?). Unsere Augen trafen sich, wir umarmten uns und sofort waren wir im Jahr der Skifahrt. Beide verheiratet, Familie, Kinder, glücklich. Und wir haben gespürt: man kann sich glücklich erinnern UND im Jetzt glücklich sein ...

© Martin Wald 07.10.2019