Durchgeknallt

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Durchgeknallt | story.one

Wie stehen in einem hässlichen Treppenhaus. Ungleichmäßig, aber hell erleuchtet von den wenigen noch intakten Glühbirnen. Abendlicher Abschied. Sie nur in T-Shirt und Jogginghose. Ich kann meine Hände nicht von ihr lassen. Sie presst sich, ihre kolossalen Brüste, ihren mächtigen Körper an mich, ich drücke sie an die Wand des Stiegenhauses. Lippen, Hände, ineinander verwobene Beine. Nein, ich kann nicht gehen, nein!, du sollst nicht gehen! Ich gehe, sie geht, wir gehen. Wieder zurück, nach oben. Der Sog ist unbeschreiblich, einfach unbeschreiblich. Nüchtern, ja, aber vollkommen, völlig, vollständig der Kontrolle entzogen. Und es beginnt von Neuem das, was man nicht beschreiben kann, nicht beschreiben darf.

Rückblende: Das Leben ist spannend, interessant, kontrolliert als erfahrener Assistent, die anfängliche Unsicherheit abgestreift, die erste - unbegründete und gefährliche - Überheblichkeit (die typische Abfolge einer solchen Biographie) ebenfalls, ruhiges, aber keinesfalls langweiliges Fahrwasser erreicht. Dann betritt sie die Szene, PJ-Studentin (ja, ja, Klischee, aber nein, hier geht es nicht darum!), blond, üppig, extrovertiert. Unsere Blicke treffen sich ein erstes Mal und es reißt mir den Boden unter den Füßen weg. Buchstäblich!

Rückblende (third person): Ich komme als PJ-Studentin in die Kinderklinik, ein wenig unsicher, trotz meines extrovertierten Wesens. Und da ist da ein nettes Team, was die Zweifel gleich einmal abfedert. Und dieser Assistent, auf den ersten Blick reserviert, arrogant? Freundlich trotzdem. Ich weiß nicht, aber dennoch: Der wär´s! Es reißt mir den Boden unter den Füßen weg. Buchstäblich!

Ich stehe bei meinem besten Freund, derjenige, mit dem ich dieses Jahr wieder Rad gefahren bin und alte Zeiten habe aufleben lassen, und ziehe mich nach der Arbeit um, mache mich bereit für einen gemeinsamen Lauf, ein gemeinsames Training, stehe entspannt und doch nicht entspannt vor einem Spiegel und er sagt: "Was ist denn mit dir los?" Es - mein Gemütszustand - ist ohne jede verbale Erklärung erkennbar. Er hat mich gelesen. Wir lachen uns an und laufen los.

Mein Chef wird verabschiedet. Im Rahmen eines von ihm organisierten Kongresses. "Time to say goodbye!" singen wir zu dritt (im Frack!- Andrea Bocelli lässt grüßen!), semiprofessionell mit Bandbegleitung. Angesagt werden wir von ihr. Später auf dem Tanzparkett sind wir, sind sie und ich nicht mehr erreichbar für äußere Einflüsse.

Nachmittags zuvor endet unser Arbeitstag damit, dass ich einfach und ohne jede Ankündigung - in einem günstigen Moment - ihre Hand nehme. Ich habe so etwas bis zu diesem Zeitpunkt in meinem Leben noch nie gemacht und auch später nie wiederholt. Sie lässt die meine nicht mehr los. Wir suchen uns einen unbeobachteten Ort.

Die folgenden Wochen sind die intensivsten meines ganzen Lebens. Von Dauer war es nicht. Warum? Ich weiß es nicht. Aber eins weiß ich: Ich war völlig durchgeknallt, und es war gut so!

© Martin Wald