skip to main content

#corcooning

Edward mit den Scherenhänden

  • 235
Edward mit den Scherenhänden | story.one

Ich stehe, kaum angekommen auf Sylt, ganz am Rande des Kliffs. Es ist Januar, eisige Kälte, Sturm aus Westen, kaum ein Licht aus den wenigen erleuchteten Häusern dringt in die Dunkelheit. Die von den Böen tränenden Augen schauen auf einen schwarzen Horizont, ein schwarzes, wütend tobendes Meer, einzig die weißen Schaumkronen der Brecher sorgen für einen unheimlichen Kontrast. Und da, plötzlich, fluoresziert da etwas bläulich aus der Tiefe? Ich weiß es nicht.

Ich stehe, ganz bequem, in unserem so schönen Garten. Frühlingshaft ist es, Abendrot, ein paar hohe Wolken, lau. Nichts, was in diesem Moment an die jetzige Krise gemahnen würde. Das Virus, die Viren, sie sind - sowieso - für niemanden erkennbar. Der Rasenroboter zieht seine unvorhersehbaren chaotischen Bahnen. Sein Messer schneidet Grashalme ab, schneidet Zellen, schneidet Zeit. Drei Tage fallen zu Boden. Heute Nacht wird auch mir eine Stunde meiner Zeit abgeschnitten, ich bekomme sie aber, mit ein wenig Geduld, im Herbst wieder zurück.

Edwards Scherenhände schneiden Büsche, Bäume ebenso. Schön sieht das aus, rund getrimmt, wunderbare Formen und Linien entstehen, künstlich geschaffen. Künstlich geschaffen ist auch er, gewollt oder ungewollt, unvollendet, genetisch eigen. CRISPR/Cas9 heißt das aktuelle Zauberwort des Genome Editing. Die DNA kann, verhältnismäßig einfach, geschnitten werden. Bakterien assistieren dabei. Ein geniales Verfahren, um zu helfen, um Krankheiten zu beeinflussen, zu heilen, ein genial einfaches Verfahren, um Pflanzen widerstandsfähiger zu machen. Ein genial einfaches Verfahren. Ein geniales Verfahren. Ein einfaches Verfahren. Einfach. Das, was herausgeschnitten ist, bekomme ich nicht wieder zurück, möglicherweise.

Viren sind einfach aufgebaut; aktuell eine Hülle, ein Kapsid und RNA - ein paar Eiweiße und ein paar Basen. Lächerlich geradezu im Vergleich mit dem komplizierten Baumuster eines Menschen. Lächerlich geradezu im Vergleich zu der immensen, milliardenschweren Komplexizität unserer Welt. Und doch, dieses mittlerweile labile System wird aus dem Gleichgewicht gebracht durch ein paar lächerliche Basen, noch nicht einmal Paare sind es, ein wenig Genetic Drift, kein willentliches Editing, und die Welt steht förmlich still. Staat um Staat erkennt die Lage, zuletzt auch diejenigen, deren Regierende die Mund-Nasen-Maske mit einer Augenbinde verwechselt haben.

Was ist einfach, was ist komplex, was haben wir verstanden? Wahrscheinlich weniger als bislang gedacht. Was nicht heißt, dass ich jetzt glauben möchte, das ist eine andere Frage. Was heißt, dass ich verstehen möchte, was ich verstehen kann und in Demut realisieren möchte, was ich nicht verstehen kann

In Schätzings "Schwarm" organisiert sich ein anderes, primitives Leben, der Ozean leuchtet, fluoresziert. Daran glaube ich nicht.

Aber wachsam sollten wir sein und die Schärfe unseres Verstandes benutzen. Wie eine Schere vielleicht.

© Martin Wald 2020-03-31

corcooning

Kommentare

Bisher gibt es keine Kommentare.

Jede*r Autor*in freut sich über Feedback! Registriere dich kostenlos,
um Martin Wald einen Kommentar zu hinterlassen.