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Ein Pädiater auf Abwegen

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Ein Pädiater auf Abwegen | story.one

"Liegt gerade etwas Besonderes an, ist viel los?" fragte mein Chef P. eines Samstagnachmittags. Ich hatte Dienst und wusste sofort: Solche Fragen dieses Querdenkers waren gefährlich, sehr gefährlich, nein: brandgefährlich. Ich verneinte, trotzdem, wahrheitsgemäß.

Er hatte einen Boxer, ein sehr eigenwilliges Wesen, so, als hätten sich zwei wirkliche Charakterköpfe gesucht und gefunden. Hatte man den steilen Anstieg zu seinem wunderschönen Haus in Hanglage überwunden, wurde man von Johnny freundlich, besser überschwänglich, begrüßt. Keine Rede davon, dass er, wie das Hunde sonst tun, sein Heim verteidigt, nein, umgekehrt: wenn man schließlich gehen wollte, hielt er einen an Jackenärmel oder Hosenbein fest. Saß man zum Gespräch auf der Couch, konnte es passieren, dass im entscheidenden Moment geschätzte fünfundzwanzig Kilo mit voller Wucht auf einem landeten - im besseren Fall auf dem Schoß, manchmal auch von hinten im Genick. Zwei fanden das jeweils sehr lustig, ich anfangs nicht so. Die Waschbären, die P. liebevoll auf der Terrasse fütterte (sie haben sich regelmäßig am bodentiefen Fenster gemeldet), verteidigte er übrigens auch. Insgesamt also, möchte ich einmal sagen, etwas ungewöhnliche Verhältnisse. Auch an dies erinnere ich mich genau: Auf einem ausschweifenden Fest - die Wogen gingen hoch - in eben diesem Haus wurde, ganz old fashioned, eine Feuerzangenbowle kredenzt. Nachdem das ausladende Gefäß nach geraumer Zeit zum Kommunikationshindernis wurde, fand es seinen Platz auf dem verhältnismäßig tief gelegenen Kaminsims. Es wurde geredet, gelacht, gesungen, musiziert (mein Chef hatte sich in früherer Zeit sein studentisches Salär mit Unterhaltungsmusik in den Ostseebädern wie zum Beispiel Heringsdorf aufgebessert - er war ein passabler Tenor, Max Raabe und das Palast Orchester lassen grüßen), sodass Unbemerktes passieren konnte: Es fiel plötzlich auf, dass Johnny, in untypischer Rückenlage, laut schnarchend auf dem Parkett lag - er hatte sich der nicht unerheblichen Reste der Feuerzangenbowle erbarmt.

Es war also nicht viel los. Leider, dachte ich. "Meinen Sie, Sie könnten auch mal einen Hund schallen?" Hatte ich mich verhört? Nein! Wieder einmal eine dieser queren Ideen. Unser Raum für den Ultraschall lag etwas abseits, am Ende eines Ganges, direkt gegenüber der Feuertreppe, die in den Hof führte. "Wir kommen dann über die Stiege, sehen Sie mal zu, dass niemand stört!" Gesagt, getan; kurz darauf verebbte das charakteristische Motorengeräusch im Hof, das Ehepaar P. samt Johnny erschien. Die Begeisterung des Hundes überschaubar, das Fell kurz, die Gattin am Kopfende, P. unten, trug ich Gel auf und untersuchte den Hund - einen Milztumor hatte er. Die Bilder hat er seiner Tochter geschickt, sie war Veterinärin an der Hochschule in Hannover. Johnny wurde operiert und hat uns noch eine Weile mit seinem unorthodoxen Wesen beglückt

"Die Bilder waren eh ganz gut!" habe die Tochter gesagt.

© Martin Wald 2020-02-22

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