Großzügigkeit, oder auch: I was shaky

  • 218
Großzügigkeit, oder auch: I was shaky | story.one

Mein erster Chef war ein eigen-williger Mensch, von Außenstehenden als arrogant verschrien, distanziert, dandyhaft. Ich fand das nicht; er war manchmal schwierig im alltäglichen Einerlei, aber: er stand mit 65 Jahren felsenfest zu seinen Überzeugungen (sein Ansehen war ihm dabei egal), er kümmerte sich - um Patienten, um Mitarbeiter - und man konnte sich auf ihn verlassen. Immer, in jeder Situation. Und er war großzügig, getreu dem Motto: viel fordern und viel geben.

Berüchtigt waren Fragen, deren Sinn sich den Umstehenden nicht unmittelbar erschloss. "Haben Sie am Wochenende etwas vor?", fragte er mich eines Freitagmorgens bei der Visite. Ich verneinte. "Dann machen sie jetzt einmal Schluss und holen ein paar Sachen für einen Wochenendtrip, ich lade sie ein!" Er hatte einen Vortrag in Köln zu halten und einen Ausflug zu zweit im Kopf. So fuhren wir in seinem neuen Porsche 911 (Jubiläumsmodell 1993, Viola Metallic, ein nahezu unwirklicher Traum), ein Dandy halt, nach Köln. Ein Umweg über das Siebengebirge, kurvige Sträßchen, Rast in einem einfachen Gastgarten. In Köln war das Hotel schon gebucht, wir verbrachten einen wunderschönen Abend (an dem er mir auch erzählte, wie er aus Überzeugung eine Karriere in der DDR abgelehnt hatte und im Westen bei Null begann). Nach dem Vortrag am Samstag - eher Pflicht - machten wir uns mittags auf den Heimweg. "Essen wir noch schnell eine Kleinigkeit", meinte er, nachdem wir gerade dem Kölner Stau entflohen waren. Auf dem Rückweg vom Autobahnrasthaus, Würstchen und Kartoffelsalat (sorry: Würsterl und Erdäpfelsalat), streckte er seinen Arm mit dem Autoschlüssel aus - "Fahr du jetzt!" Mir rutschte das Herz in die Hosen, aber kein Erbarmen; ich sollte uns - "so schnell wie möglich" - nachhause bringen. Er saß - hing - entspannt auf dem Beifahrersitz, furchtlos; cool und unpassend eine rote (!) Baseballkappe auf den immer noch blonden Haaren (Redford lässt grüßen!) und vermittelte mit einer knappen Geste seines rechten Zeigefingers: "Give it the gun! Fast forward! >>>" So - man kann es wirklich nicht anders sagen - rasten wir heim, das Schreien des Motors hinter uns.

Daheim stand ich in der Tür, wortlos, shaky (dieses englische Wort trifft es einfach am besten) und meine damalige Partnerin meinte: "Ich sehe es, du bist ihn gefahren!" "Ja." Er hatte vorher nichts gesagt, nichts von Vorsicht, pass auf, teuer, und und und ... Es war ihm einfach egal.

Zu einer anderen Zeit kam ein schwerstkrankes Kind aus einer nahegelegenen Kurklinik zu uns. Es starb. Es starb, trotz der schweren Grunderkrankung, überraschend. In der Fremde. "Es ist schlimm!" Nur das sagte mein Chef zu den Eltern, nahm ein noch im Gitterbett liegendes Matchboxauto, legte es in die Hand des toten Kindes und umschloss mit seiner Hand die des Kindes, sodass beide das Auto hielten. Für geraume Zeit. Ohne Worte.

Ich war shaky.

Eigenwilligkeit, Großzügigkeit, Mitgefühl. Man muss lange danach suchen. Es prägt. Für immer.

© Martin Wald 24.10.2019