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Gummibärchen

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Gummibärchen | story.one

Auf dem Teppich ein großes Sackerl Haribo, Goldrand oben, Goldrand unten, gezackt, dazwischen, durch´s Transparente, eine Vielzahl klassischer Gummibärchen, ganz auffällig unauffällig, das Urmodell. In den bekannt vielen Farben. Einzeln kamen sie herausspaziert, bunt und keck, Grüß Gott!, wimmelten herum auf dem Boden und lagen schließlich da, ein bunter, bunt zusammengewürfelter Haufen, zwischen uns. Zwischen uns, die wir es uns bäuchlings auf dem Boden blaublond bequem gemacht hatten. Ihre Augen trafen mich, sortieren müsse sie sie, diese kleinen munteren Kerlchen, ja wirklich, vorher könne sie keines essen. Speziell die gelben liebte sie, ihre unvergleichlichen, durch nichts verschönerten und zu verschönernden Hände hoben die kleinen Gestalten vorsichtig in die Höhe, ab und an wanderte eines und noch eines in meinenihrenunseren Mund, schließlich waren sie alle sortiert, Kompanien in rot, weiß, grün und gelb. Schließlich aber auch mussten Arme Schenkel Münder sortiert, mühevoll sortiert werden. Ein Gelbes hat aufgepasst.

Wir gingen durch den Regen. Eine triste hessische Vorstadtstraße. Einen warmen Frühlingsregen erinnere ich, die Pfützen grau und trüb, mit schwebenden Pollenmeeren darauf. Ihre blonden Haare dunkel vor Nässe und schwer, schwer wie ihre üppigen Konturen, die mir in ihrer bedingungslosen Hingabe den Verstand raubten. Durchnässt bis auf die Haut wiesen ihre strahlend blauen, das Grau in Grau der Vorstadt erleuchtenden Augen auf eine Kneipe. Ein durchnässtes Paar an einem kunstholzfurnierten Stammtisch, kenntlich an der kleinen Schmiedearbeit, die ihn als solchen auswies. Zwei Weißbier, zwei untrennbar verbundene Hände. Der Himmel auf Erden, weit jenseits vom Münchner im Himmel.

Ich hatte, ganz ganz früher einmal, ein Pixi-Büchlein, an den Titel kann ich mich nicht mehr erinnern, in dem ein kleines rotes Auto viele Abenteuer bestehen musste, ebenfalls durch den Regen fuhr es, landete aber nicht am Stammtisch. Auch sie hatte ein kleines rotes Auto; japanisch, alt, verbeult. Ein treuer Begleiter durch dick und dünn, so hat sie gesagt. Dieser treue Begleiter war in unserer Nähe, als wir im Parkhaus standen, gerade entflohen der Öffentlichkeit, wohin? Egal! Die Betonwände des Gebäudes waren kalt und hart, gespürt habe ich das genaue Gegenteil. Die Scheinwerfer des Begleiters haben verschämt weggeschaut.

Auf dem Nachhauseweg ein kurzer Halt. In einer kleinen Küche zwei Kaffee, ein wenig Reden, ein wenig schönes Schweigen. Ein paar Minuten manchmal nur, wenn viel zu tun war. Ein paar Minuten, deren Duft ich in mir einschloss, um ihn mitzunehmen bis zum nächsten Morgen.

Zeit des Erinnerns: das Alter, das Früher, das Jetzt. Erinnerungen, die nun gerade in dieser ruhigeren Zeit emporkommen. Sie leuchten, aber sie zerstören die Gegenwart nicht. Die Folie von Gummibärsackerln vergilbt nicht. Es stehen zwar leider keine Gedichte darauf, aber sie bleibt durchsichtig und golden.

© Martin Wald 26.04.2020

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