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Himmelskino

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Himmelskino | story.one

Wir stehen, so habe ich geschrieben, im Treppenhaus; vermeintlich Unbeschreibbares - meine damaligen Worte - möchte, will, muss nun doch erzählt werden.

Nachdem der irritierte Nachbar an uns vorbei gegangen ist, umfasse ich sie wieder, vorsichtig, aber bestimmt. An Nachhausegehen, einen Abschied ist nicht zu denken, unvorstellbar. Sie umschlingt mich, zieht mich hin zu sich. Unter ihrem T-Shirt weiche Haut, Wärme, Fülle, nichts sonst. Schritt für Schritt, Stufe um Stufe führt uns der Weg nach oben, tangogleich, Wangen und Lippen suchen und finden sich. Ein Türstock wird zum willkommenen Hindernis und drängt uns noch enger zusammen. Wir halten inne, sie bewegt ein Bein, das empfindsame Innere ihres Oberschenkels wird nun vollends spürbar und lädt meine Hand ein, diese Konturen zu erkunden. Eine immense Wärme und Schwere umfasst, begräbt meine Handfläche; sie sinkt tief ein in ihre Linien, wandert, wird geführt in ihre Mitte, die schließlich in ihrer ganzen Macht, mit ihrem ganzen Gewicht in meiner Handfläche ruht. Und nicht ruht. Enger und enger halten wir uns, sind beieinander; die nur lose Kleidung verlieren wir, Hänsel und Gretel mit ihren Kieselsteinen gleich, auf unserem Weg durch die Räume, umarmen uns wieder und wieder, nur wir, nichts mehr um uns herum, ein Umfassen, ein Halten, eine Suche, die sich schließlich in der unbeschreiblichen inneren Aufruhr des Begehrens kondensiert.

"Das war die Vorspeise", flüstert sie später, ganz zart. Ein lauer Sommerabend, es dämmert spät. Lange liegen wir wortlos beieinander und spüren den Lufthauch durch das offene Fenster. Gehen nach einer Weile hinaus in den Abend, bedächtig, mit wachen Sinnen, Arm in Arm, in einen nahegelegenen Schlosspark - nein, nicht wie im Märchen, nicht Prinz und Prinzessin, oder vielleicht doch: Dort ein Minigolfplatz (ja, tatsächlich!) mit bunten, kitschigen Laternen; wie im Kleingartenverein. Dunkel geworden ist es mit der Zeit und tatsächlich sternenklar. Wir sitzen auf Plastiksesseln und bestellen Pizza und einen Wein. Trotz allem, oder vielleicht auch gerade aufgrund dieser fast unwirklichen Szenerie, überkommt uns das Gefühl, in einem Zauberkino zu sein. Der Film, er spielt am Firmament. Ein Himmelskino.

Lange, lange sind wir noch dort, gehen durch den Park, eng umschlungen; die warme Luft, der Abend umhüllt und schützt uns. Wollen und wollen nicht Abschied nehmen voneinander.

Ich fahre nach Hause, langsam, und schließe meine Wohnung auf. Sitze noch eine Weile gedankenverloren da. Gehe schließlich ins Bett und bemerke beim Ausziehen ihren wundervollen Duft in meinem T-Shirt, nehme es in die Hand und bette meinen Kopf darauf.

And her weak, but wonderful scent knocked on the door of my dreams.

© Martin Wald 01.12.2019

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