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Hold the Line

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Hold the Line | story.one

Hey Transrotor! It´s Rock´ n´ Roll! Kryptisch? Nein! Just a moment! 1978 war ich fünfzehn und hoffnungslos audiophil, die vornehme Bezeichnung für HiFi-begeistert, Anspruch und Wirklichkeit allerdings gingen liquiditätsbedingt in diesem Alter eher sehr weit auseinander. Ich habe mir also die Nase plattgequetscht an Schaufenstern von High-End-Geschäften. Da ich aber kein Boxer, ob Hund (das hatten wir) oder Sportler mit platter Nase werden wollte, habe ich mir die Erstausgabe der Zeitschrift Audio gekauft, da ging das auch ohne räumliche Enge für das Riechwerkzeug. Besprochen wurde unter anderem der Transrotor, ein Plattenspieler komplett aus Acrylglas, transparent, ein Kunstwerk, unerschwinglich. Völlig unerschwinglich. Wir schreiben wie gesagt das Jahr 1978 und im hinteren Teil der Zeitschrift wurden Platten (ja, Platten, LPs!) besprochen, nach Aufnahmequalität und musikalischer Qualität. Toto, ein Debutalbum sehr versierter Studiomusiker, fiel mir auf. Ich habe es gekauft (deutlich erschwinglicher als ein Transrotor) und war sofort völlig geflasht - eingängigen Rock in dieser musikalischen Qualität hatte ich - sorry Freddie - so noch nie gehört. Seither brannte ich - für Toto.

1995, Unterfrankenhalle, Aschaffenburg, ich bin bei Toto, live. Eine Halle mit dem unnachahmlichen Charme der Handball-Kreisliga: in den Zuschauerrängen flache Plastiksitzschalen, beim Einlass kaltneonweißes Nichtgedränge, jeder geht um 19:40 gemütlich herein im Gedanken, dass beim angekündigten Konzertbeginn um 20:00 noch reichlich Luft sei für Getränke & Co. Das Bier im gerippten labbrigen Plastikbecher, schaumlos, England ist ein Dreck dagegen. Ich halte das fragile Kunststoffgefäß in Händen, da kommen ein paar Figuren auf die Bühne, es ist 20:05, die Gitarre und der Bass werden eingestöpselt. Was ist jetzt los, frage ich mich, Puls ca. 64 pro Minute. "Are you ready for rock´n´roll?", ein ansatzloser, alle überraschender Schrei in die plötzliche Dunkelheit und schon hämmert das charakteristische Klavierintro von "Hold the Line", die Basedrum drückt in die Magengrube, die Snare beinhart - im Nu steht die Halle in Flammen, im Vollbrand, wenn man so will. Die Perfektion ist atemberaubend: Gesangslines in makelloser Schönheit, mehrstimmig, so, dass es einen schier umreißt; die Backgroundsängerin schwanger, bestehend eigentlich nur aus wogenden Kurven und Rundungen, versehen mit einer Rockröhre, die vielen Leadsängern das Wasser abgraben würde. Lukathers unfassbare Gitarrenriffs werden getragen von einem Fundament aus Bass und dem einzigartigen Schlagzeugshuffle von Simon Phillips. Als David Paich - im schwarzen T-Shirt mit der Rückenaufschrift "Crew" und einem rückwärtsgewandten Baseballcap - das Keyboardgeklingel von "Africa" intoniert, ist es um alle geschehen: Begeisterung, grenzenlos.

Heute streame ich meine Musik, immer noch kein Transrotor, aber noch immer Toto.

Hold the Line!

© Martin Wald 26.02.2020

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