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#corcooning

Home Ground

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Home Ground | story.one

Die Winglets des Fluggerätes wackeln sichtbar, der Wind lässt das Flugzeug im Anflug spürbar schwanken, erst strahlende Sonne über den Wolken, dann grau, diesig und dunkel, und plötzlich, unter den Wolken, bin ich daheim, die Europäische Zentralbank liegt rechts unter mir, der Main, die Skyline, die unzeitgemäßen Felder der in Oberrad, mitten in Frankfurt, gelegenen Gärtnereien, die wie seit jeher die Händler der Kleinmarkthalle beliefern mit Frankfurter Grüner Soße, die klassisch in Zeitungspapier gewickelten sieben Kräuter, welche zu Goethes Leibspeise verarbeitet werden können. Die A5 überqueren wir noch, schon sehr tief, den Zaun des Airportgeländes, retardretardretard - Touchdown on Home Ground. Und plötzlich goldensonniger Nachmittag in Frankfurt, nur ein paar Pfützen erinnern noch an das vergangene Wetter, der Blick hinauf, vorbei an der riesigen Tragfläche, trifft auf strahlend blauen Himmel mit ein paar rasch dahinfliegenden Wolkenfetzen. Heimat.

Zu einem Meeting in meiner Heimatstadt hätte ich fliegen sollen, es wurde abgesagt, geflogen bin ich trotzdem. Zu meinen Eltern, solange es in diesen Zeiten noch geht. Home Ground, Heimspiel, Nachspielzeit, von der ich erzählt habe. Viel vorgenommen haben wir uns nicht, ganz absichtlich, wollen einfach die überraschend gewonnene Zeit miteinander verbringen. CorCooning ohne Corona. Ein Frühstück in Ruhe, ein gemächlicher Einkauf, viel Zeit für geduldigen Austausch. Mittags, es ist wieder grau geworden, der Regen jedoch macht eine Pause nur für mich, ein Lauf, Long Slow Distance, wie wir früher in unseren Trainingszyklen gesagt haben. Entlang der Villen Buchschlags nehme ich langsam meinen Rhythmus auf, laufe in den Wald hinein auf Wegen, denen ich einst hundertfach gefolgt bin, es tropft von den dichter werden Bäumen. Ich erreiche eine alte Kiesgrube, zwischenzeitlich völlig zugewuchert, von der Natur zurückerobert, mittlerweile ein Naturschutzgebiet mit vielen sehr seltenen Vögeln, die man eher hört als sieht. Jonathan Franzen hätte glänzende Augen. Ich komme zurück, nass, erschöpft, in mir ruhend. Abends koche ich dann für uns, wir bleiben zuhause, ganz bewusst. Viel Zeit ist für Erinnerungen. Später kommen wir dann, wie auch immer, auf Freddie Mercury. Genervt habe sie manchmal die Queen-Dauerbeschallung aus unseren Räumen, sagt meine Mutter, jetzt aber, so fährt sie fort, habe sie diese einzigartige Stimme lieben gelernt. Es erklingt "Somebody to Love" und "Love of my Life", so als wäre es gestern gewesen. So als wäre es ein Motto. Es ist eines.

Der Fluhafen am Tag der Rückreise: fast schon gespenstische Leere. Ein kurzer Rückflug, Oberösterreich hat mich wieder, doch es verändert sich in den folgenden Tagen. Wie nach einem noch kurzen Aufbäumen verlangsamt sich das Leben, kommt nicht zum Erliegen, geht aber ein anderes Tempo. Fordert auf zur Besinnung auf sich selbst und die Nächsten. Home Ground. Heimspiel im engsten Kreis.

© Martin Wald 2020-03-13

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