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#weltbleibwach

Kleine Menschen

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Kleine Menschen | story.one

Die Schwangerschaft währt noch nicht lange, eben erst dreiundzwanzig Wochen, das Kind dennoch, auch für diese Zeit, viel zu klein. Auf vierhundertvierzig Gramm wird es geschätzt und jetzt, in meinem Dienst, ist es Zeit. Mutter und Kind sind in Gefahr. "Wir müssen das Kind holen!", sagt mein geburtshilflicher Kollege, und: "Du weisst, wie klein es ist!" Unerwartet munter und lebhaft ist es aber auch, lässt die notwendigen Prozeduren über sich ergehen, es geht ihm gut. "Hey!", sage ich später zu meinem Kollegen, "das Kind wiegt aber nur dreihundertneunzig Gramm!" "Ich weiß!", erwidert er, "ich habe mich nur nicht getraut, es dir zu sagen." Mit den Eltern wird ein vorsichtiges, zurückhaltendes, erläuterndes Gespräch geführt, eine Taufe angeboten. "Das machen wir später, zuhause!", meint der Vater - Zuversicht kann auch schützen. Ein langer Weg beginnt, bis auf ein paar Aufs und Abs ohne größere Schwierigkeiten. Am Ende Kindergarten, Regelschule. Seit Jahren bekomme ich pünktlich zu Weihnachten eine Karte.

Eine Schwangerschaft, dreiundzwanzig Wochen erst, das Kind, auch für diese Zeit, viel zu klein, unter fünfhundert Gramm. Muss geholt werden, es besteht Gefahr für Mutter und Kind. Anfangs geht alles gut. Dann kommen Probleme, entsteht Schwierigkeit um Schwierigkeit. Die Eltern sind sehr besorgt, zermürbt durch die Unsicherheit und Traurigkeit in dieser Situation. Womit im Gespräch Hoffnung machen, wenn es diese kaum gibt? Das Kind wird getauft. Wir - es ist immer ein gemeinsames Überlegen, alle Professionen sind beteiligt - beschließen, nachdem wir die Eltern gehört haben, dass es für diesen kleinen Menschen, so hoffen alle, besser ist, die Intensivtherapie zurückzunehmen und ihn dennoch nach Kräften weiter zu begleiten. Er stirbt schließlich. In den Armen der Mutter.

So lange mache ich das nun und denke immer wieder nach. Viel hat sich getan in meinen jetzt dreißig Berufsjahren. So viel mehr ist möglich geworden und hilft wirklich, die auch langfristige Perspektive dieser Kleinen zu verbessern - fernab der Medienwelt mit ihren sensationsheischenden Positiv- oder Negativmeldungen. Wir haben gelernt, diese Kinder zu verstehen. Sie können, natürlich!, noch nicht sprechen, sie können sich aber mitteilen, wir müssen diese Botschaften nur interpretieren, uns Zeit nehmen, diese zu erfassen und dürfen nicht vorschnell technische Entscheidungen treffen. Ja, die Technik ist für Außenstehende oftmals verstörend, für Kinder sehr oft sehr hilfreich und für uns: unverzichtbares Werkzeug, aber keinesfalls Selbstzweck, was auch darin zum Ausdruck kommt, dass ich mich im gegebenen Moment auch zurückziehen darf und muss. Diese kleinen Menschen zeigen uns - wenn wir nur hinsehen, hinhören, fühlen - was geboten ist.

"Choose wisely" ist ein kleiner Aphorismus amerikanischer Kollegen, der das alles mit nur zwei Worten vollständig umfasst.

So wahr.

© Martin Wald 2019-11-30

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