Lügen

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Lügen | story.one

Ich fahre zu einer Fortbildung im September nach Klagenfurt. Das Grün des Europaparks, die großen, alten Bäume und der ruhig in der Septembersonne liegende See bremsen meine Geschäftigkeit - es ist, als mahne die bedächtig ablaufende Zeit zur Achtsamkeit. Der ausklingende Sommer ist noch zu spüren, das Strandbad noch von einigen wenigen Menschen besucht und doch ist das pulsierende Leben einer Stille und Langsamkeit gewichen. So fühle ich die Bedächtigkeit meiner Schritte, die mittlerweile wohlige Wärme der Sonne, sehe das Grün der großen Flächen, das noch immer bunte Blühen auf den Beeten und das Türkis des so klaren Sees. Die fünfte Jahreszeit.

Und ich werde still und langsam und meine Sinne wach.

Der Kongress geht seinen gewohnten Gang: Vorträge, Sitzungen, Austausch mit Kollegen. Sehr nett, angenehm, erwartbar. Wenn da nicht dieses etwas sperrige Motto diesen Jahres wäre: "Die Pädiatrie im Zeitalter von Fake News". Was mich da wohl erwarten würde? Nun, zum einen Vorträge, die sich diesem Motto etwas bemüht nähern (Trugbilder im Ultraschall, Impfmythen, ...). Dann - schon spannender - die Sicht des Journalismus auf zunehmende Fakes im Wissenschaftsbetrieb. Also nicht mehr nur Trump und die Politik, sondern auch Rape Journals.

Schließlich der Festvortrag, eine oft mühsame Pflichtübung. Der Name des Vortragenden allerdings weckt die Sinne neuerlich: Konrad Paul Liesmann. Er kommt herein, groß, schlank, entspannt. "Der Wille zum Schein. Über Wahrheit und Lüge im Zeitalter digitaler Kommunikation" - so das Programmheft. Aber: Im Zeitalter digitaler Kommunikation lässt das Rednerpult der Entfaltung papierner Manuskripte keinen Raum. Bezeichnend. Also: freie Rede, mehr als eine Stunde, eine Geschichte der Lüge, ein Bogen von Griechen und Römern über Hannah Arendt bis hin zu Gusenbauer, Schüssel und der Digitalisierung der Kommunikation. Im Saal hätte man die berühmte Stecknadel fallen hören. Gelogen wurde immer schon, kein Mensch ist immer wahrhaftig, wer ist der bessere Mensch ?- der, der lügt, auch um andere zu schonen oder der, der immer um Wahrhaftigkeit bemüht ist?, Fake News zur Stillung des Durstes nach News - es gibt schlicht nicht genug, dann zu guter Letzt: die Lüge gelingt heute so einfach, weil ich währenddessen in niemandes Augen sehen muss. Ich mache es digital und muss - in aller Regel - keine relevanten Konsequenzen fürchten.

Eine so einfache Wahrheit. Ich gehe zurück und nehme Wahrheiten wahr: das wunderbare Licht der untergehenden Sonne auf dem See, die schon spürbare herbstliche Kühle, den leise knirschenden Kies unter meinen Füßen. Und ich nehme mir vor, in die Augen meiner Gegenüber zu blicken.

© Martin Wald 21.09.2019