Morbus Kitahara

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Morbus Kitahara | story.one

1995 lebte ich noch bei Frankfurt und hatte gerade, nachdem mich "Die letzte Welt" von Christoph Ransmayr restlos begeistert hatte, sein "Morbus Kitahara" gelesen - dieses Endzeitszenario, kühl, graugrün wie sein Einband, die Sprache präzise wie aus Stein gemeißelt, formvollendet und doch auf eine subtile Weise sehr emotional -, als ich das Glück hatte, ihn tatsächlich in einer Lesung in der Alten Oper Frankfurt zu sehen und zu hören. Uneitel, zurückhaltend, sehr freundlich, eher leise; beim Lesen die für einen Deutschen ungewohnte, weiche Sprachmelodie. Ein Erlebnis, gekrönt von einer Signatur meines schon gelesenen Exemplars.

2003 ging ich nach Oberösterreich, nach Wels. Bis zu diesem Zeitpunkt wusste ich von dieser Stadt nur, dass Christoph Ransmayr dort geboren wurde. Ich machte mich vertraut mit der so schönen Region, fuhr durch Roitham, besuchte das Stift in Lambach und lernte so die Orte und Wurzeln Ransmayrs kennen - eher beiläufig, schließlich kam ich zum Arbeiten hierher. Sah im folgenden Sommer auch das Strandbad in Gmunden, ein wenig wie aus der Zeit gefallen, die Villa Toskana auch und schließlich das Lager in Ebensee. Ich besuchte diesen Ort dann im Herbst bei fallendem Laub, und so wie das Laub das verblassende Grün des Sommers langsam bedeckt, so hatte ich das Gefühl, dass die Vergangenheit des Lagers durch die jetzige Besiedelung und das jetzige Leben Stück für Stück übertüncht würde. Schaute man jedoch genauer und geduldig hin, konnte man die Schatten der Vergangenheit mühelos entdecken, die vielen, oft jüdischen, Erinnerungen.

Noch einmal etwas später bog ich an einem trüben, grauen Novembertag am Südzipfel des Traunsees auf die Straße ins Innere Salzkammergut ab und erblickte die Terrassen des Steinbruches, nur grau und grün an diesem tristen Tag. Und war mit einem Mal erinnert an den Umschlag des Buches, grau und grün. Es fiel mir wie Schuppen von den Augen: Die Villa der Kommandantur - Villa Toskana, das Strandbad - Gmunden, der Steinbruch, die Farben des Umschlages, die in meinem Inneren auch beim Lesen des Textes erschienen (man kann nicht aufleuchten sagen - sie leuchten nicht, sondern stehen für eine gewisse Trostlosigkeit). Alles fügte sich zusammen, als ich beim zweiten Lesen meine Ortskenntnis hinzugab.

2008 endlich schließt sich der Kreis: Christoph Ransmayr liest im Rahmen der Gmundner Festwochen. Aus "Morbus Kitahara". In Ebensee. Im Stollen des Steinbruchs. Es ist kühl. Wasser tropft von der Decke. Die Stimme wiederum weich und melodisch. Die Worte und Sätze jetzt buchstäblich (wie) in Stein gemeißelt. Dazu der "Spiegel im Spiegel" von Arvo Pärt. Ich habe noch nie einen Text in dieser Art durchdrungen und durchlebt.

© Martin Wald 17.10.2019