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Normal, oder?

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Normal, oder? | story.one

Sie hatten sich meine Anwesenheit gewünscht. Ich hatte keinen Dienst. Die Frau eines befreundeten Paares bekam Zwillinge, ein Kaiserschnitt. Ein wenig zu früh, aber alles problemlos, zwei kleine, rosige und schreiende Wesen. Für mich im Grunde nichts zu tun. Wenn da nicht ... "Ich komme heute Abend noch einmal vorbei und schaue, dass alles in Ordnung ist!" Sie sollten erst einmal Zeit mit ihren zwei neugeborenen Erdenbürgern haben. Abends sitze ich am Bettrand, alle nah beieinander, Mutter, Vater, die Kinder und ich. "P. ist etwas anders als andere Kinder!" sage ich, "ihr werdet trotzdem oder vielleicht gerade deswegen viel Freude mit ihm haben!" Es war erkennbar, dass er eine Trisomie 21 hatte. Viele solche Menschen habe ich gesehen in meinem mittlerweile sehr langen Berufsleben.

Wie teilt man so etwas mit? Gelernt habe ich es am Beispiel, die ersten Gespräche als Zuhörer. Mein Chef hat nicht viele Worte gemacht. Vorsichtig formulierte, aber unmissverständliche Wahrheit. Keine Gefühlsduselei, sondern in Worte gefasste Stärke, die in diesem Moment einen Halt zum Anlehnen gab. Optimismus, auch in dieser Situation, kein Verweis auf noch viele Untersuchungen, kein Ausweichen, keine Verlegenheit. Es ist so, "sie wünschen sich - natürlich - etwas anderes, und trotzdem: es wird gut, sie werden sehen!""Es wird gut!" habe auch ich dann gesagt.

Ich untersuche einen Zweijährigen mit Trisomie 21, quirlig, lachend. Er kaspert auf der Untersuchungsliege herum und fällt kopfüber in den daneben stehenden Mistkübel - vom hygienischen Standpunkt aus betrachtet suboptimal. Sein Kopf taucht wieder auf, er grinst, lacht erst glucksend, dann schallend. Alle lachen, erst glucksend, dann schallend. "Komm wieder raus, Meister!" sagt der Vater. Wenn die Musik der Liebe Nahrung ist, spielt weiter - hat Shakespeare gesagt.

Ich habe miterlebt, wie der genetische Code des Menschen vollständig entschlüsselt wurde. Das Human Genome Project wurde viel früher vollendet als erwartet. So vieles kann heute sequenziert, dechiffriert, in Basenpaare aufgelöst werden. Und macht es so viel schwieriger. Was kann, darf, will ich wissen? Was vermittle ich dem mir anvertrauten Gegenüber? Möglichkeiten, die viele überfordern. Wie gehe ich damit um? Ich zeige die Möglichkeiten, die Varianten auf. Ich sage, wie ich es persönlich entscheiden würde. Und ich respektiere die Entscheidung des Gegenübers. Ich muss sie nicht akzeptieren für mich, aber respektieren.

Ich biege mit meinem silbernen Boxster ein auf den Parkplatz einer beschützten Werkstatt (nebenbei: Bin ich normal? Wirklich?), werde eingewiesen von einem liebenswerten Menschen mit Trisomie 21. "Das Auto kenne ich, find ich voll gut!" Später möchte ich - es gibt ein Café, einen Hofladen - eine selbst produzierte Salami kaufen. "Nein, die verkaufe ich dir heute nicht!" erklärt er mir lachend.

Ich habe heute keine Wurst für dich! Das ist besser als GNTM mit den Bildchen. Was ist normal?

© Martin Wald 15.06.2020

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