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#leidenschaft

Patina

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Patina | story.one

Seit einiger Zeit steht ein Hochbeet in unserem Garten. Roheisen. Es setzt Patina an. Es darf rosten.

Einen 911 Targa besitzt er, mein Freund, Baujahr 1974, ein dachumspannender Edelstahlbügel, mattgebürstet. Der Kunstharzlack, made in Western Germany, grünmetallic, hat, schaut man im Sonnenlicht über die Haube, wolkige Schlieren. Hineinpolierte Hingabe und Liebe. Ein paar Altersspuren, graue Haare, Falten. Es riecht nach Leder, dieses schwarz und auch schon etwas brüchig, Öl und Benzin, eine einzigartige Melange, der Geruch der Jahre, der Erfahrung. Wir drei machen uns auf, sechsundvierzig, zweiundfünfzig und sechsundfünzig Jahre alt, der Sechsundvierzigjährige bellt heiser, ein Sechszylinderboxer halt, "treibt´s nicht zu arg mit mir!" Als wir wieder stehen, tropft es ein wenig. Ein Prostatiker.

Im jugendlichen Ungestüm musste es eine teure mechanische Uhr sein. Ein Statussymbol. Seit zweiundzwanzig Jahren schlägt sie im Wesentlichen ununterbrochen an meinem Arm. Sechzig Sekunden pro Minute. Sechzig Minuten pro Stunde. Eintausendvierhundertvierzig Minuten pro Tag. Edelstahl 316 L. Meerwasser ist ihr egal, Schweiß ist ihr egal, Viren schon ganz und gar. Aus dem Statussymbol von einst ist ein Zeichen der Nachhaltigkeit geworden. 28.800 Halbschwingungen pro Stunde, das mag über die Jahre jemand einmal ausrechnen. Öffne ich die Fliplockschließe, gleitet sie mir durch die Hand, ein paar Marken der Zeit und dennoch ganz glatt, ein Handschmeichler, einige Parfums haben sich verfangen in diesem Armband über die vielen Jahre. Ich meine sie jetzt noch riechen zu können.

Mein zwanzig Jahre altes Bike war zuletzt zur Kur. Reifen, Kette, Lager. Wellness und ein paar künstliche Gelenke, wie´s halt so ist im Alter. Jetzt wird es wieder gedroschen, Ross und Reiter ächzen vielleicht ein wenig, trotzdem muss sie noch sein, die Übersetzung für "echte Männers": 53/39 - 12/25. Das ist weder ein Programmiercode, noch sind es die Lottozahlen - es sind die Ziffern der Übersetzung des Schmerzes. Sie brettern an mir vorbei, die Jungen, kurz. An zehnprozentigen Rampen, sechs, acht, zehn Kilometer lang, da kommen wir, die Alten (skinny is fast!), mit unserer Erfahrung und haben noch die Körner für die letzten Kilometer. Auf Wiedersehen! "Der fährt sich zwei Stunden warm!" ist das Bonmot in unserem Verein für mich und noch einen Kollegen der Masters.

Der Körper mag ein paar Falten haben, ein paar Macken hie und da und trotzdem: die Erfahrung hilft, dabeizusein, mitzuschwimmen und im entscheidenden Moment ein wenig mehr Drehmoment freizusetzen.

Die Patina des Geistes ist die Erfahrung, ist Öl und Benzin und Leder und Parfum und Erinnerung an Türstöcke und Fülle und Leidenschaft und Gummibärchen und Sommernächte und Himmelskino. Die ganz große Übersetzung 53/39 - 12/25. Ich öffne die Schließe meiner Uhr und rieche Thierry Muglers Angel, seit jeher und immer noch.

Patina ist wunderschön. Nur durchrosten darf´s nicht.

© Martin Wald 2020-05-13

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