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Schlaf - kleiner Bruder der Aufmerksamkeit

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Schlaf - kleiner Bruder der Aufmerksamkeit | story.one

Wie das so ist bei Geschwistern, sie streiten immer einmal, aber im Grunde verstehen sie sich doch gut, sehr gut sogar. Seit dreißig Jahren, so lange mache ich schon Dienste, beschäftigt mich das. Wenn das Telefon nachts zigmal klingelt.

Ich war auf der Zivildienstschule, Trier, 1982. Staatsbürgerkunde, Paragraphen werden aufgetürmt zu großen Bergen, mündlich und schriftlich. Extrem spannend, fesselnd vorgetragen von einem Dozenten, der das maximal bereits vierzig Jahre macht. In das Wegdämmern aller hinein tut es einen Riesenschlag - Entschuldigung! Tuscher -, ein Kollege gerät aus dem Lot und klatscht auf den Boden. Alle sind belustigt, fast jedenfalls. "Was soll diese Provokation?" Der Delinquent sah aber so gar nicht nach Revoluzzer aus - er hatte den letzten Zug verpasst und pflichtbewusst in einer Telefonzelle am Bahnhof übernachtet. Mit mäßigem Erfolg.

In einem Dienst vor Urzeiten klingelte das Telefon - grau, Wählscheibe, Spiralkabel zum schweren Hörer, die Sprech- und Hörmuschel cremefarben abgesetzt - gefühlt hunderte Mal. Irgendwann war ich vor Erschöpfung eingeschlafen, Rückenlage, die Arme hinter dem Kopf. Es läutet wieder, meine Arme taub von der grotesken Verrenkung, ich versuche mit einem Arm den anderen zum Hörer zu führen, was damit endet, dass dieser, gewichtig wie er ist, mit Getöse hinunterfällt. Entsprechende Liveübertragung am anderen Ende. Die Story ging in die Annalen ein.

Eine Freundin meiner Frau war bei uns zu Besuch. Klein, zierlich, freundlich, das Gegenteil von. Aber halt! Das lassen wir jetzt einmal. Sie legte sich auf unsere Couch, eingerollt wie ein Kätzchen. Unter eine Decke - ein Frierkätzchen. Ein Augendeckel auf, alles ok? Augendeckel wieder zu. Nach einer halben Stunde hatte ich ein waches, aufmerksames Gegenüber.

Es gibt Nächte, die nicht lang genug sein können, von wegen Himmel schauen und so. Aber wie schön ist es auch, eng umschlungen gemeinsam einzudämmern, im Rhythmus des leisen Atems, und womöglich gemeinsam wieder aufzutauchen.

Mein Sohn - der kleine Bruder - ist eine Geometrie-Frühbegabung. Er schläft gerne, sehr gerne in unserem Bett - immer genau im Neunzig-Grad-Winkel zu uns, ganz präzise. Die kleinen Hände leicht geöffnet, ab und an huscht ein Traum über sein Gesicht. Die Eltern: wach, tellergroße Pupillen, Augen wie ein Koboldmaki. Die kann man im Frankfurter Zoo bewundern. Im Nachttierhaus.

Wie schön ist es, im heißen Sommer frühmorgens ausgeschlafen in den Garten zu treten, um - die Temperatur unendlich angenehm, Ruhe überall - die Pflanzen zu gießen. Das Wasser plätschert. Noch ein Espresso, ein Stück Zeitung, mehr brauche ich nicht.

Nun gehe ich ins Bett, ich möchte morgen schließlich ausgeschlafen sein.

"So liebe Kinder, gebt fein acht, ich hab´ euch etwas mitgebracht", spricht das Sandmännchen, "folgt mir in das Land der Träume!" Das mache ich gerne, sehr gerne sogar. Was gibt´s? Frau Holle vielleicht, oder so. Auch ohne Loch in der Bettdecke.

© Martin Wald 2020-01-14

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