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#freundschaft

Snakeskin

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Snakeskin | story.one

Unter der roten Wärmelampe liegt sie. Bewegungslos, fast. Ab und an ein geräuschloses aggressives Züngeln. Ihre Konturen zeichnen die Formen eines vor nicht allzu langer Zeit verschlungenen Kükens nach. Geräusche sind nicht zu vernehmen. Stille. In einem Ast eines Baumes ihrer künstlichen Welt hinter Glas hängt ihre letzte, vergangene Haut, mehr oder weniger opake, aneinander hängende Schuppen, eingerissen, aufgeschlitzt, ihr aktuell letztes von vielen Leben. Wir stehen vor der Panzerglasscheibe, bis auf die bogigen, Unruhe verbreitenden Bewegungen der Zunge ein Stillleben. Keine News. Eine archaische Abfolge von Töten, Fressen und Wachsen im Lauf der Zeit.

Wieviele Neuigkeiten, wieviele News brauche ich, braucht man? Die Anakonda benötigt ganz offensichtlich nur wenige. Und diese in Form von gelbem Flaum. Ich schaue üblicherweise Nachrichten, Tagesschau, Heute, ZIB, meine, dass das notwendig ist für mich, das Informiertsein. In den letzten Wochen bin ich ins Zweifeln geraten: Lassen sich relevante Informationen erschöpfend in eine Viertelstunde pressen? Brauche ich täglich John Hopkins (das ist ja Volksschulmathematik)? Schon vorher hatte ich den Rat bekommen, es sei klüger, auf Wochen- oder gar Monatsschriften auszuweichen, da bliebe übrig, was Bestand hat. Die relevanten News erführe ich so oder so vom Nachbarn.

Heute übt meine Älteste die Telemann-Fantasie in d-moll für Blockflöte solo, die klagenden und dann animierten und animierenden Klänge füllen das Haus. Ich höre es ein wenig aus der Ferne und bin innerlich gerührt, dass ich das habe weitergeben dürfen. Als ob Musik eine Genetik hätte, ähneln sich unsere Interpretationen und ein sachtes Zittern erfüllt meine Seele. Es ist achtzehn Uhr sechsundfünfzig, in vier Minuten beginnen die Nachrichten. Telemann hat von 1681 bis 1767 gelebt, was sind da zwanzig Minuten News? Schon die Frage ist absurd. Ich folge dem Hall meines Inneren und bin berührt im eigentlichen Wortsinne.

Auch in meinem unmittelbaren Umfeld werden ohne Unterlass Whatsapp-Nachrichten getippt, von morgens (die Finger scheinen früher zu erwachen als der Geist) bis abends (die Finger scheinen später ins Bett zu gehen als der Geist). Neben einigem sinnvollen Organisatorischen werden Plattitüden plattiert. Sinnlosigkeit pur. Mei liabste Weis, Musikantenstadel im Selbstverlag, self publishing to go, ich stehe vor dem Kühlregal von BillaSparADEG (please check the correct box) und friere ...

C. J. Setz hat ein Buch geschrieben; "Die Frequenzen" sind eine Zumutung in vielerlei Hinsicht. Die Frequenzen aber müssen stimmen, der Hörer muss sie lieben, so dass sich Übereinstimmungen einstellen. Hohe Frequenzen wirken schrill und haben keinen Nachhall, deshalb brauche ich sie im täglichen Leben nicht mehr.

"Not your Barbie girl" singt Ava Max und in Gedanken explodiert ein gelbes Gummibärchen in unserer Mitte, meine Hand begraben von ihrer Macht. Sie erzittert feucht.

© Martin Wald 2020-06-08

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