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The First Time Ever I Saw Your Face

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The First Time Ever I Saw Your Face | story.one

Ich halte ein kleines Quadrat aus Plastik in meinen Händen, etwas, was ich schon lange nicht mehr benutze. Ich klappe es auf, ein handgeschriebener kleiner Zettel fällt heraus. Eine winzige, mit Kugelschreiber geschriebene Botschaft der Liebe, zwei Mal gefaltet. Ein paar Worte nur und doch ein Universum. "Songs From The Last Century" hat George Michael seine CD betitelt. Ein sanfter Bass, wenige Akkorde, Klavier, akustische Gitarre und eine dann dahinschmelzende Stimme. Unterschätzt wurde er, trotz oder wegen seines Erfolges. Nicht verstanden, "I can give a dynamite presentation to a big audience", but ... he was introvert.

The first time ever I saw your face/ I thought the sun rose in your eyes/ And the moon and the stars were/ The gifts you gave/ To the dark and empty skies.

Dein Kopf ruht auf deinen Händen, die wiederum Halt auf der Tischplatte gefunden haben. Dein Gesicht ist mir zugewandt, glatte, ebenmäßige Haut, zwei tiefbraune Augen mit einem leicht asiatischen Einschlag. Ein unschuldiger Blick nach oben, zu mir, vollkommen entwaffnend. Der Tisch wispert: "Ist sie nicht wunderschön?" "Ja!" antworte ich, "was soll ich denn tun, was?" "Komm einmal beiseite!" sprach er und hat es mir erklärt. Und es hat sich geformt und gefügt, das Glück und die Weite des Geistes.

Wir parken das Auto. Das erste Mal. Im Vorgarten wird im blaugrauen angejahrten Arbeitskittel vermeintlich Arbeit getan. Das Fachwerkhaus ist von außen wirklich hübsch. Wir gehen hinein. Ein netter Empfang, der trotzdem etwas irritiert. Abgewohnte Möbel, Teppiche, deren helldunkelgrünes Kunststoffmuster die Pfade der letzten Jahrzehnte erkennen lässt. Schwangere Selbstsicherheit der Schwester als Kontrapunkt zu nachdenklichem Diskurs. Fußball vs Beethoven: 8 : 0, mindestens. Fastnacht, Schützenverein, Musikantenstadel, Hessenschau täglich. Vornamen, die das Abgekoppeltsein des Dorfes von der gesellschaftlichen und intellektuellen Entwicklung kompensieren sollen: GinoEnricoGinaMariaLunaMaurice - StaubachSchmidtMüller. Gina Maria Staubach. So what? Arietta Beethoven op 111? Eher nicht.

The first time ever I kissed your mouth/ I felt the earth move in my hand/ Like the trembling heart of a captive bird/ That was there at my command, my love/ That was there at my command.

Was ist es, was es ausmacht, was wirklich zählt? Ich sitze da und mein Mac spricht mit mir. Die Tastatur führt mir die Finger, einer Marionette gleich: F A N T A S I E. Das ist es, was unterscheidet. Wellen des Glücks, manchmal melancholisch in moll anrollend, schreiben Gefühle und Stimmungen in die Seele ein, Fußspuren am Strand, die vom Wasser überspült werden und doch, ein wenig besänftigt und abgerundet, bestehen bleiben. Und es ist bestehen geblieben, über nunmehr zwanzig Jahre. Wellen haben dieses Relief im Sand überspült und dennoch ist es - rundgeschliffen - schön wie am ersten Tag. Nur den Musikantenstadel, den brauche ich nicht.

The first time ever I lay with you ...

© Martin Wald 24.06.2020

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