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#weltbleibwach

The friendly Irish

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The friendly Irish | story.one

Iren haben unzählige Ausdrücke für "grün". Und sie haben unendlich viele Ausdrucksformen für Freundlichkeit.

Wir landen auf dem Flughafen von Dublin, nehmen unseren Leihwagen in Empfang. Rechtslenker, Schaltung links, weil - Linksverkehr. Es ist 16:30, Rush Hour. Ich setze mich hinter das Steuer und - bekanntes Phänomen - schalte statt des Blinkers den Scheibenwischer an. So ganz nebenbei: strahlender Sonnenschein. Wir stürzen uns in den Berufsverkehr, erste Bewährungsprobe: mehrspuriger Doppelkreisel. Gemeistert. Das erste Quartier vorgebucht, kein Navi, kein Handy, aber dichter Verkehr und: leere Nebennieren.

Um nicht vollends zu stranden, biegen wir in eine kleine Nebenstraße ab; klassisch irisch: Haus an Haus, Schornstein an Schornstein, gepflegte Vorgärten. Wir sind in unsere analoge Navigation vertieft, als es an unser Seitenfenster klopft. "Can we help you?" fragen - ungefragt! - zwei grauhaarige Damen, die unser Treiben offensichtlich beobachtet haben. Sie erklären uns den Weg und rufen bei unserem Quartier an. "They will be a little late!"

Abends im Pub - North Circular Road, Außenbezirk, nicht touristisch, es schifft wie aus Eimern - ist der Hunger groß. Die Lösung: Sandwich; Toast, ungetoasted, Formschinken, Mayo, Plastikfolie (zum mitessen? Würde eh keinen Unterschied machen). Wir kommen ins Gespräch, spontane Musik im Pub auch; hier ist eine Gaelic Flute, komm, nimm und spiel mit uns und schon war ich dabei, durfte mitspielen und war mittendrin - in der irischen Seele.

In Ennistymon kommen wir an. Station House, B & B. Abends im Pub. Gaelic Football, die Underdogs aus dem Doneghal haben gewonnen, Vereinsfarben : blau und gelb. Nach der letzten Runde im Pub blinzle ich draußen einmal, zweimal, so besoffen bin ich doch nicht! Der Zebrastreifen: blau, gelb, blau, gelb; angemalt ... Am Morgen fragt mich Ms. Cahill, die sehr, sehr umfängliche Dame (kann man Freundlichkeit abwiegen?) aus dem Station House: "Coffee or tea, Sir?" Und: "Doneghal won!" Es gibt ein paar Körnchen löslichen Kaffees mehr als sonst.

In Galway eine geniale Gastgeberin: An der Tür ein Schild "Keys?", wenn wir aufbrechen. Am letzten Tag: "Keys!" Wir lernen: "Eat porridge und you´ll never get hungry!"

In Clifden, Malmore House, wunderschön. Ich bin Laufen, auch die Sky Road hinauf, steil, sehr steil - nicht ganz die alttestamentarische Himmelsleiter, aber fast -, zurück in Malmore House fragt unser Gastgeber: "Should I call the priest?"

Es sind vierzehn Tage, geprägt von der Aufmerksamkeit der Iren, ihrer vorbehaltlosigen Freundlichkeit, Bescheidenheit und Zufriedenheit. They take their time. Es riecht nach Torf.

Zurück am Frankfurter Flughafen muss ich Geld wechseln für die S-Bahn-Karte. "Des geht net, müsse se schon was kaufe!" Ich kaufe ein Päckchen Kaugummi und zahle mit einem großen Schein. Willkommen zurück zu Hause!

Warum soll ich freundlich sein? Falsch! Was habe ich für einen Grund, unfreundlich zu sein?

© Martin Wald 2019-12-11

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