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The Tempest

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The Tempest | story.one

Es stürmt

Wolkenfetzen fliegen dahin. Die Sonne scheint, fünf Minuten später ist es dunkelgrau. Eben noch war der Asphalt trocken, matt - jetzt ist er schwarz, glänzend, nass. Ich gehe nach Hause, heute nach dem Dienst, die Sonne scheint plötzlich wieder hervor, erneut, aber ich weiß nicht so recht, was ich davon halten soll. Sie wärmt sogar schon ein wenig, auch der Wind, der Sturm ist nicht kalt, lässt den Winter fast schon vergessen. Er reißt an den Gebäuden, reißt an mir, versucht, mich davonzuschieben, wohin auch immer, ich halte stand, nicht jedoch die kleineren Gegenstände im Garten; Blumenkübel, Eimer und vieles, was nicht gesichert ist, wehen davon, bis an die Grenzen des Grundstückes, der Zaun als letztes Hindernis.

Es stürmt

Kleidungsfetzen fliegen dahin. Die Sonne scheint oder auch nicht, ich weiß es nicht, egal, wir drehen uns umeinander, verlieren uns, verlieren uns in Zeit, Ort, haben keine Himmelsrichtung, kein oben oder unten, der Sturm, er reißt an uns, reißt an mir, reißt an ihr, so, dass wir uns nicht halten können, die Gegenstände um uns herum, sie halten stand, bleiben an ihrem Ort, nur wir, wir verlieren uns, werden davongeweht, wohin auch immer, halten uns fest aneinander, umschlingen uns, ich fühle ihre Mächtigkeit, greife in ihre Fülle und lasse sie meine Kraft erfahren, immer weiter dringen wir vor in das Auge des Sturms, bis die Mitte spürbar wird, beider Mitte, warm, weich, tief, erfüllend. Kein Zaun, kein letztes Hindernis.

Der Sturm lässt nach

Ich schaue nach oben, graue Wolken fliegen förmlich dahin, der Himmel reißt auf, entblößt ein strahlendes Hellblau, die Sonne legt ein transparentgoldenes Tuch darüber, kein Regen mehr, der Wind wird schwächer, so, dass ich nach draußen gehen kann. Es ist wie beim Abstieg in der Alpensinfonie (die so lautmalerisch ist; Strauss hat ja von sich behauptet, er könne noch die Gerichte einer Speisekarte komponieren, schlicht hörbar machen), das Unwetter hat sich verzogen, die Almen sind noch nass, die musikalischen Motive ändern ihre Richtung, drehen sich um, die Heimkehr in der Abendsonne schließlich, sie ist geglückt. Nichts, was diese Wetter dem Wanderer haben antun können, gefürchtet mag er sich haben, unsichere Momente hat es gegeben, sicherlich, bei allem Abenteuer jedoch ist er sicher zu Hause angelangt, um ein Vielfaches reicher an Erfahrung und mit Eindrücken, die er sein Leben lang nicht vergessen wird.

Der Sturm lässt nach

Wir liegen aneinander, spüren die Konturen unserer Körper, warm, weich, meine Hand noch immer in der Tiefe ihres Schenkels. Der Himmel, der so gar nicht grau war, reißt auf, alles ist in goldenes Licht getaucht. Angekommen sind wir, glücklich, unversehrt und, vor allem, erfüllt. Das nehmen wir mit, mit uns. Stürme, wirkliche Stürme gibt es selten im Leben. Sie rufen ein wenig Furcht hervor, sicher. Sie tragen einen aber auch fort, in Sphären jenseits des Alltags.

An Orte, wo die Liebe ist.

Ab und an ein Sturm, das wünsche ich mir.

© Martin Wald 10.02.2020

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