Unter die Haut

Nein, es ist kein Tatoo! Unter die Haut geht mir, gerade jetzt in der Vorweihnachtszeit, etwas ganz anderes:

An Heiligabend, genauso an Geburtstagen und zu einigen anderen Gelegenheiten werden Kinder - meine ausdrücklich eingeschlossen - überhäuft! (man denke einmal über die eigentliche Bedeutung des Wortes nach!) mit Geschenken. Was dann folgt, ist oft ein hastiges, gehetztes, geradezu gieriges Auspacken, gefolgt von einem kurzen Anschauen, um sogleich das nächste Päckchen in Angriff zu nehmen. Am Ende steht eine Ansammlung mehr oder weniger Freude spendender, sinnvoller oder weniger sinnvoller materieller Gegenstände und ein Haufen ehemals schönen, jetzt arg ramponierten Geschenkpapiers. Und meist überforderte Kinder.

Ich bin mir bei meinen Gedanken meines privilegierten Status bewusst, aber: Was hat mir in meinem Leben bislang das größte Glück geschenkt (ja, geschenkt, wieder das Wort!)? Es waren in der Regel Dinge, die nichts oder wenig kosten: Meine Familie. Das Himmelskino, von dem ich schrieb. Eine Geschichte, in die ich mich vertiefen konnte, in der ich mich verlieren durfte. Der Sommerwind in meinem Gesicht. Das bewusste Erleben von Gesundheit und Leistungsfähigkeit.

Weihnachten bei meinen Schwiegereltern. Traditionell. Man kann zu Beharren und fehlender Veränderung stehen wie man will, hier bedeutet es aber: Der Heiligabend beginnt schon morgens, wenn eine sich über drei Generationen erstreckende große Schar gemeinsam den Baum aufstellt, gemeinsam das abendliche Essen vorbereitet und alles festlich schmückt. Alle gehen zusammen in das Krippenspiel. Nach dem Abendessen - eng ist es, warm ist es, schön ist es - sitzen wir im großen Kreis, die Weihnachtsgeschichte wird vorgelesen und es wird musiziert und gesungen - jeder, so gut er kann. Eine gemeinsame Geschichte. Das Lagerfeuer, um das man in diesem Fall sitzt - wenn man so will - die Krippe. Und erst danach, erst dann gibt es die Geschenke.

Was macht mein Sohn mit seinen acht Jahren am liebsten? Lesen - überschaubare Investition. An den Weiden im Garten herumschneiden - erforderlich: eine Gartenschere aus dem Keller. Ball spielen - auch nichts, was einen in die Armut treibt. Mit unserer Katze schmusen - kostenlos.

Keine Playstation, kein iPhone, kein noch so teures Spiel kann damit konkurrieren, auch wenn in der Schule da bereits Neid und Missgunst geschürt wird. Gegen Fantasie, Geschichten, Bewegung, Liebe verblasst alles andere.

Minimalismus ist schon wieder ein Modetrend, aber die Beschränkung auf Weniges, Essentielles schafft, zumindest mir, Klarheit in meinem Bewusstsein. Solange ich nicht jeden Tag über Geld nachdenken muss, habe ich genug davon. Dem, was ich besitze, versuche ich mit Aufmerksamkeit und Achtsamkeit zu begegnen, nicht nach dem schon oft gehörten Motto "Das kann man ja eh wieder neu kaufen" zu handeln.

Rigoros möchte ich das weitergeben. Oft trifft das auf Widerstände. Schwierig ist es, aber nicht unmöglich.

© Martin Wald