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Vierundzwanzig Stunden

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Vierundzwanzig Stunden | story.one

Wieder einmal gehe ich morgens los, vierundzwanzig Stunden Dienst erwarten mich. Es ist sonnig, schon ein wenig warm, nach einem Express, wie Sebald so schön sagt, und der Zeitung marschiere ich zehn Minuten durch die frische Morgenluft. Zehn Minuten, die ich dringend brauche, da ich nun vierundzwanzig Stunden indoor verbringe, Vollpension inklusive. Dreißig Jahre mache ich das jetzt, im Schnitt sechs Mal pro Monat, dass ich einen ganzen Tag zuständig bin im Dienst. Der anfängliche Stress hat sich längst gelegt; mittlerweile habe ich Generationen von Assistenten erlebt. Aber irgendwie ist es dennoch immer wieder sehr speziell. Nie weiß man, was einen erwartet.

Die Coronazeit haben wir unbeeindruckt durchlebt. Schwangerschaften, deren Dauer oder Nichtdauer und die damit verbundenen Probleme scheren sich nicht um irgendwelche Pandemien. Geboren wird immer und manchmal ist das schwierig, für Mutter, Kind oder beide. So waren wir ein Hort der Normalität. Nur für die Besuchsregeln mussten wir argumentieren, aber auch das ist gelungen - so geht Demokratie, denke ich mir.

Nach meinem üblichen Tagwerk sitze ich nun in meinem Dienstzimmer, momentan nichts los, jedoch einige Frühgeborene angekündigt, der Dienst verspricht eine gewisse Unruhe. Trotzdem zappe ich ob der momentanen Ereignislosigkeit in HD durch die Kanäle. Vermeintliche Antiquitäten, waffenscheinpflichtige Volksmusik, Fake-Notaufnahmen. Das gesamte bittere Programm. Doch Halt! Plötzlich hänge ich fest bei ARTE.

Eine einfache Dokumentation. Die Tatsachen zu Corona in den USA auf einer simplen Zeitachse. Der erste Fall, die Ausbreitung, die Entwicklung hin zu einer durch Fehlorganisation verursachten Katastrophe. Parallel dazu, ebenso streng auf der Zeitachse, die im Originalton eingefangenen Meinungen und Statements der auch in Amerika vielen wirklichen Sachkenner. "Kongruent" ist das Wort, welches ich, gefragt nach einer knappen Zusammenfassung, in diesem Zusammenhang benutzen würde. Und dann, auch strikt auf der Zeitachse und in gefilmter Originalversion, die Wortspenden eines völlig der Realität entgeglittenen blonden Pseudotoupets. "Weniger schlimm als die harmloseste Grippe, Amerika hat kaum Erkrankte, Amerika ist weltweit führend in der Beherrschung dieses Problems, wir nehmen einen Rohrreiniger, um unser Inneres auszuputzen." Letzteres ist in D F Wallace´s "Unendlicher Spaß" beschrieben: Mit Rohrax gestrecktes Heroin richtet das arme Opfer, zuverlässig, qualvoll und endgültig. Literatur dieser Entwicklungsstufe dürfte diesen Herrn jedoch weit überfordern. Psychiatrie, geschlossen, ist mein spontaner Impuls in Richtung Mattscheibe.

Dann klingelt das Telefon und ich stehe im Nu im Kreißsaal. Ein kleines Frühgeborenes blinzelt mich an, es raunzt ein wenig, "Hilf mir gefälligst ein wenig, das ist dein Job!" Ja, ja, sage ich und meine Hände halten diesen kleinen Menschen so, dass er ohne Not atmen kann.

© Martin Wald 04.06.2020

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