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Wieder genesen, oder: Vienna , I love you

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Wieder genesen, oder: Vienna , I love you | story.one

Als deutschösterreiche Familie in Oberösterreich war bis zu diesem Tag die Welt in Ordnung. Dann klingelte nachts das Handy, meine Schwiegermutter akut lebensbedrohlich erkrankt, der Tod in greifbarer Nähe. Was tun? Telefonieren; meine Dienstverpflichtungen abgesagt (danke, Kollegen!), meine Frau mit dem nicht schulpflichtigen Junior nach Deutschland unterwegs, ich mit der älteren Tochter hier in Wels. An geschildertem Tag - es war im Februar - standen die Zeichen auf Sturm: Wie sollte ich das selbst verkraften, wie meine Frau, wie es der Tochter vermitteln? Ursprünglich für diesen Tag geplant war ein Tagestrip nach Wien, wie wir ihn schon öfter sehr genossen haben: Aussteigen in Hütteldorf, die wenigen Schritte zum Naschmarkt, Frühstück, dann vielleicht das Haus des Meeres ... was nun tun? Die Traurigkeit hatte ob der zunehmend schlechten Nachrichten alle erfasst, es war schier eine Lähmung der Gedanken und des Tatendrangs spürbar - sicher nachvollziehbar. Trotzdem entschieden wir zwei zuhause Verbliebenen uns dazu, doch nach Wien zu fahren, auch, um nicht den ganzen Tag passiv grübelnd zu verbringen. Bezeichnenderweise grau in grau und neblig begann die Fahrt in Wels, aber schon im Wienerwald war die Sonne hinter den nur noch dünnen grauen Schleiern zu erahnen und als wir Wien erreichten, erwartete uns ein kalter und strahlend sonniger Wintertag. Alleine das lenkte ein wenig ab von unseren Sorgen. Und so umrundeten wir den Ring zu Fuß, ein Kaffee hier, eine Kleinigkeit zu Mittag dort, die Pracht der Stadt erfasste uns und ließ uns nicht vergessen, tröstete aber ein wenig mit der Schönheit und der dahinter fast körperlich spürbaren Geschichte; der Himmel blau, die Luft kalt, windig dazu und in dieser Szenerie: Oper, Sacher, Hofburg, Rathaus ... Und: das Leben pulsierte! Wir waren spürbar Teil dieses Lebens. Ich dachte in diesen Stunden an einen meiner liebsten Autoren, W G Sebald, der gehenderweise (Ringe des Saturn!) sich der Geschichte der Orte nähert und dabei auch die Verbindungen mit seiner eigenen Vergangenheit erlebt. So gingen wir weiter und weiter, mit wachen Sinnen und zunehmend weniger bleierner Traurigkeit, ohne dass die Sorgen schwanden, sie wurden einfach nur erträglicher und schlussendlich endeten wir in einer Eisdiele am Schwedenplatz - bunt und laut und italienisch. Vielleicht unpassend, aber: Schön war´s, trotz aller Angst ... Schließlich abends mit dem Zug zurück - da ereilte uns die Nachricht, dass es ein klein wenig bergauf ging. Mit diesem Gefühl und dem eines trotz allem erfüllten Tages schliefen wir ein ...

In den Folgetagen schritt - glücklicher- und wundersamer Weise - die Genesung weiter fort bis hin zur völligen Wiederherstellung heute.

Auch wenn ich davor und danach oft in Wien war: das ist es, was mich besonders mit dieser Stadt verbindet: Schönheit, Geschichte, Leben, Dankbarkeit. Und die Erkenntnis, gehenderweise ganz im Moment zu sein - ohne jede Ablenkung.

© Martin Wald 2019-10-03

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