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HR und nicht JR

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HR und nicht JR | story.one

JR hatten wir schon, heute also kein Hessisch. Heute wage ich mich auf ganz dünnes Eis, gnä´ Frau, Herr Hofrat, darf ich vielmals bitten?

Wir fuhren zum Vorstellungsgespräch in Wels, keine Vignette, also ab Engelhartszell auf der Bundesstraße, November, Nebel Richtung Eferdinger Becken, 16:30, es dunkelt, schmierige Straßen, am Wegesrand Schilder "Kartoffel (wichtig: Singular!), Pferdeäpfel". Nun, düngen müssen wir nicht unbedingt. Meine Frau sagt: "Hier gehe ich niemals hin!" Wir übernachteten in der "Kaiserkrone" - nur zur Verdeutlichung: die Klospülung (Gang!) mittels Kette vom hochhängenden Spülkasten. Am nächsten Morgen unser Nachbar beim Frühstück ein alter Müller - hat er uns erzählt - im Schlafanzug (!), er trank seinen Ka-Ka-O. Das Vorstellungsgespräch dann - Medizinerjargon - soweit ok. (Soweit schmerzfrei geblieben? Hat mein Zahnarzt immer gefragt.)

Trotzdem wagten wir es. Tür in Deutschland hinter uns zugemacht, fünf Umzugskisten im Audi A3, ein paar Tränen und dann ab durchs Schneetreiben via Würzburg - Nürnberg - Regensburg - Passau nach Wels. Wir kamen an, wurden sehr freundlich empfangen, meine Frau in Linz, ich in Wels und richteten uns erstmal ein. Das schwedische Möbelhaus verhalf uns zu einem simplen Tisch, ein paar Sesseln und einem Bett. In der Krankenhauswohnung - 55 m2, Kunststofffußboden - aufgebaut, die Glühbirne baumelte von der Decke - und nein, es war - leider - nicht Byron the Bulb. Schöngetrunken dann mit einer teuren Flasche Rotwein.

An meinem ersten Tag auf Station stand ich da. Viele Skills - vielleicht - dafür war ich ja da, aber keine Fremdsprachenkenntnisse. "Mia müsse mal gach obi" - der Kreißsaal ist im Erdgeschoss - "Was?" Egal, einfach hinterher. Die nächsten Stunden war ich mit gynäkologisch-geburtshilflichem Beschlag belegt, als ob sie schauen wollten, was er drauf hat, der Neue, der Daitsche. "Duads net recht, s´Butzerl?" "Doch, geht schon." "Ok, baaassd!" Den Respekt habe ich mir schnell erarbeitet und bin wirklich sehr offen aufgenommen worden; wir haben uns nach kurzer Zeit sehr angenommen gefühlt.

Anfangs habe ich gedacht, ich lebe im Minimundus oder im Erl-Land: Leiberl, Weckerl, Safterl, sogar die Infusionsverlängerungen heißen "Schwanzerl". Alles ging gemütlich zu, das kann ja nicht effizient sein. Und doch, es ist so. In meinem Fach, und das ist gut so, werden Ergebnisse gemessen und verglichen, über Ländergrenzen hinweg. Und wir waren und sind nach wie vor gut, sehr gut sogar - nur mit ein wenig mehr Gelassenheit. "Das Kind hat heute aber gut getrunken!" vs "Der hot si Dreissge obigeschleidert!" mag sich sprachlich und vom Ansatz her unterscheiden - das Ergebnis ist gleich. Mit dem Unterschied, dass letztere Aussage einen entspannteren Zugang dokumentiert.

Seit siebzehn Jahren sind wir nun hier und ich habe mich noch immer nicht daran gewöhnt, dass das Display des Geldautomaten mich begrüßt mit "Willkommen Herr Oberarzt!", aber ansonsten: Gut so!

© Martin Wald 2020-01-06

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