Yesterday ...

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Yesterday ... | story.one

Long, long ago ... musste ich als Berufsanfänger einen Vortrag in Dresden halten. Ich war stolz und freudig und vor allem: nervös. Genoss die Autofahrt dorthin, Single, schickes Auto (Z 3, zu diesem Zeitpunkt ganz wichtig!) und erfreute mich an der Freundlichkeit der Dresdner, als ich damals - lange vor den Zeiten allgegenwärtiger Navigationssysteme im Auto - am Stadtrand nach meinem Hotel "Elbflorenz" fragte und mit freundlicher und sehr ausführlicher Beredsamkeit den Weg beschrieben bekam: nüchtern gesagt an der nächsten Kreuzung links und dann gleich die Abfahrt in die Tiefgarage. Ich also da und überwältigt von der Pracht eines Viersternehotels; überwältigt und gleichzeitig (ver)unsicher(t) - wie sollte es anders sein als Jüngling unter lauter erfahrenen "Vortragsreisenden".

Ich ging meinen Vortag in meinem Luxuszimmer nochmals durch, um dann an der gemeinsamen Abendveranstaltung teilzunehmen; jetzt schon (etwas) entspannter, weil auch "normale" KongressteilnehmerInnen unter den Gästen waren. Nachdem ich niemanden kannte, saß ich also an einem Tisch mit Fremden. Es wurde sehr nett und im Laufe des Abends trafen meine Blicke wieder und wieder auf die einer dunklen, schönen, schlanken, sehr scheuen Frau. Nach einigem Hin und Her zweier introvertierter, zurückhaltender Menschen entspann sich ein Gespräch, das nicht durch Inhalt, sondern durch schüchterne und wortlose Signale der Zuneigung ganz besonders wurde. Schließlich brachte ich sie (ich Glücklicher, dachte ich ...) vom Ort der Veranstaltung in ihr Hotel und fuhr zurück - nothing happened.

Am nächsten Tag hielt ich meinen Vortrag, und als sich die Nervosität danach gelöst hatte, hatte ich wieder Augen für R. Wir standen beieinander und redeten, obwohl uns beiden nach anderem zumute war. Der Kongress schloss, wir traten den Heimweg an und hatten nicht den Mut (so war das damals!), uns zu verbinden. So hörten wir nichts mehr voneinander.

Im folgenden Jahr fuhr ich - es wurde kurzfristig und überraschend möglich - zu einer Tagung nach München. Auto gewechselt, sehr chiq (Boxster, damals wichtig!). Ich hatte dort keine aktiven Verpflichtungen und saß so in einer Veranstaltung, als sich unsere Blicke trafen: R. war auch da und ich war von jetzt auf gleich auf einem anderen Planeten. Wir begrüßten uns und verbrachten im Anschluss an das Programm einen wunderschönen Abend im sommerlichen München, gemeinsam mit Kollegen. Wieder war die Zurückhaltung bestimmend, auf dem Heimweg jedoch trennte die sich schließende Tür der U-Bahn unsere ineinander verschlungenen Hände ...

Am Folgetag saßen wir nebeneinander im Vortrag. Die Konturen unserer Körper ließen nicht Raum für ein Blatt Papier ... Jedes Härchen und jede Unebenheit unseres Äußeren war spürbar ...

... und dennoch verloren wir uns aus den Augen.

© Martin Wald 21.09.2019