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Zucchiniblüte

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Zucchiniblüte | story.one

Ich gönnte mir, mit Blick auf die entfernt im heißen Dunst liegende Kuppel der Kathedrale, einen letzten Express, schwarz und bittersüß, kredenzt von einem in Würde gealterten Kellner, der beim Frühstück der vielen Familien schon ein wenig ins Wanken kam, dann aber, wurde die Situation intimer, war man sich, Angesicht in Angesicht, gegenüber, auf liebenswürdige und gleichzeitig stolze Weise eine vornehme Italianita aufleben ließ. "Selbstverständlich, per favore!" Zwei alternde Männer waren im Moment vereint, waren gegensätzlich und verstanden sich trotzdem, ohne Worte, ohne wirklich gemeinsame Sprache.

Was wir erlebt hätten in den letzten Tagen? Angekommen in der Fattoria di Maiano spendeten die dicken, jahrhundertealten Steinmauern Kühle, Ruhe und Sicherheit. Kaum zu glauben war es, dass, fuhr man nur ein paar Serpentinen von Florenz hinauf in Richtung Fiesole, aus der impulsiven und geschäftigen Hektik Florenz´ ein Hort der Kontemplation wurde. Heiße Trockenheit, das Geschrei der Zikaden anstelle von Verkehrslärm, in der Fattoria ein anderer Gang der Zeit. Kilometerweit trockene Pfade entlang von Eseln, Kühen und Geflügel, das gesamte Leben im offensichtlichen Einklang mit Natur und Jahreszeiten, alle Tiere und Pflanzen schienen die karge Trockenheit nicht nur zu erdulden. Und trotzdem, so erzählte ich ihm weiter, war es so einfach, einzusteigen in den Linienbus, hinab ging die Fahrt in vielen Kurven, vorbei an prächtigen, Florenz überblickenden Villen, schnell wurde man ausgespuckt mitten im Zentrum. Kaum war man ausgestiegen, erfasste, umtoste einen gar das bunte Treiben der vielen Besucher. Ging man dahin, sah man Mobiltelefone, Rucksäcke, Fotografierende jedweder Couleur, teure Eisgeschäfte, Souvenirs und die auf der ganzen Welt gleichen Geschäfte für Mode, Schuhwerk und den angebissenen Apfel. Schüttelte man dies von sich, so fuhr ich fort, ihm zu berichten, begannen die steinernen Zeugen, ihre Geschichte zu erzählen. "Seht her, welche Macht meine Erbauer einst hatten!" schien der Palazzo Pitti mittels seiner schieren Größe erzählen zu wollen und: "Geht nur einfach um die Ecke, dort könnt ihr Michelangelo begegnen." Und so wie dieser Palast berichteten viele weitere steingewordene Zeitgenossen von ihrer Geschichte, ließ man sie nur gewähren im Lärm der Zeit. Abends schließlich fuhren wir hinauf, ein paar Kehren nur, am Straßenrand saßen wir, unter der Neonbeleuchtung der Trattoria, den Holzofen im Blick, die Verständigung schwierig und einfach zugleich, es wurde dunkel und blieb doch so warm, Stammgäste entstiegen kleinen verbeulten Autos, ab und an eine Vespa, una birra e una pizza margherita. Das Glück kann so einfach sein, so schließe ich meinen Bericht.

Tags darauf fuhren wir auf schmaler werdenden Sträßchen ins Nirgendwo. Abends eine gefüllte Zucchiniblüte auf dem Teller.

Wie er hieß, mein Gegenüber? Ich weiß es nicht. Stelio, so denke ich mir, wäre ein so schöner Name.

© Martin Wald 2020-03-06

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