Gewitter über Mikulov (Nikolsburg)

  • 110
Gewitter über Mikulov (Nikolsburg) | story.one

Ich schere (das ist Mundart und bedeutet hacken) in der Langenwarthe (eine Ackerriede) und immer, wenn ich in der Mitte des Ackers mich befinde, habe ich einen wunderschönen Ausblick nach Nikolsburg hinüber in die Tschechei. Heute scheint zwar die Sonne, aber der Ostwind bläst ordentlich. In der besagten Mitte schaue ich hinüber und denke, dass heute die Sicht nicht besonders gut ist. Ganz Nikolsburg liegt in einem blauen Schleier. Etwas später ist auch der Himmel über der Stadt so seltsam blau, als ob ein Gewitter nahen würde. Und nach ein paar Stunden wird meine Ahnung bestätigt. Ein gewaltiger Donner erschüttert die Luft über der Stadt und lässt mich aufschauen. Dann dauert es noch eine Viertelstunde, ehe der nächste Blitz, ich schaue gerade wieder hin, durch die Wolken zuckt. Da meine Arbeit sehr schleppend vorangeht, kann ich immer wieder kurz hinüberschauen. Plötzlich verschwindet die Stadt in einem dichten Nebel. Anscheinend regnet es dort. Die Wolken sehen gar nicht aus als wären es Regenwolken, aber nun kann ich beobachten, wie mir die Sicht auf die Burg komplett genommen wird. Es donnert und blitzt ab und zu, aber das Interessanteste daran ist, dass ich genau beobachten kann, wo gerade der Regenschauer nieder geht, und wie er Richtung Norden zieht. Die Burg kommt langsam wieder zum Vorschein, während nun die Pollauer Berge verschwinden. Ein beeindruckendes Naturschauspiel. Ich stehe hier in der Sonne und beobachte ein Gewitter nur 10 km weit weg. Die Pollauer Berge erscheinen wieder und das Gewitter zieht weiter hinter den Hartberg, der mir die Sicht auf die weitere Tschechei nimmt. Als ich schon denke, es ist vorbei, kommt die nächste Front und hüllt Nikolsburg wieder völlig ein und auch die Pollauer Berge verschwinden fast in einem dunstigen Schleier, aber plötzlich wird mir bewusst, dass der Schauer viel näher niedergeht. Etwas beunruhigt beginne ich mich zu beeilen, denn ich will das letzte Beet auf jeden Fall noch fertig bekommen. Plötzlich, aus heiterem Himmel, treffen mich die ersten dicken Regentropfen. Der Wind schlägt sie mir eiskalt auf den Rücken. Ich drehe mich um: Sonne über mir und leicht graue Wolken, aber doch keine Regenwolken. Das kann nicht so arg werden, denke ich und schere weiter. Die Tropfen werden immer mehr, das Unkraut irgendwie auch. Das kann kein Regen werden beharre ich stur, denn die Sonne scheint noch immer und trotzig bearbeite ich das letzte Beet. So zehn Minuten belästigen mich noch einige kalte Tropfenschauer, dann ist es vorbei. Na, also, wusste ich es doch. In einer Viertelstunde bin ich endlich fertig, auch körperlich. Ich habe 9 Stunden hindurch das Feld gehackt, mit nur 10 Minuten Mittagspause, aber das Feld ist fertig. Zufrieden, dass ich das Unkraut fürs Erste einmal besiegt habe, steige ich in mein Auto und fahre nachhause mit dem Gefühl einer Achtung vor den Naturgewalten, die ich einmal ganz bewusst als Zuschauerin erleben durfte.

© Mary 14.07.2019