"Schmutzhäufchen"

Es war an einem wolkenlosen Junitag, die Sonne stand schon tief, als ich, erfüllt vom langen Tag am See, zum Parkplatz fuhr. Er liegt in einer Sackgasse vor einem hohen Zaun, der das wild wachsende Grün an der Felswand eines Stadtberges abgrenzt.

Am Schranken vor der Gasse haltend, während er sich langsam hob, blickte ich verträumt voran. Von weitem fiel mir etwas vor dem Parkplatz auf. Da das Gegenlicht der Sonne alles wie in Goldstaub verschwimmen ließ, konnte ich nur ein bewegungsloses Etwas erkennen und dachte: "Wohl nur ein Schmutzhäufchen".

Doch bald war es klar: mein Auto rollte auf einen kleinen Vogel zu. Ich hielt im Abstand von einigen Metern neben ihm und öffnete das Seitenfenster. Mein Blick begegnete dem des Kleinen, der aus glänzenden Knopfaugen zu mir aufschaute. Ich staunte, während mir dieser Blick direkt ins Herz ging. Die Vogelart kannte ich nicht. Ich sah eine zierliche Gestalt, mit fein gezeichnetem Gefieder in Farbtönen von Holz, Erde, Licht und Schatten; das Bäuchlein leuchtete flaumig-beige.

Er wirkte gesund, aber wie in Schockstarre. Vermutlich war er gegen eines der großen Fenster über dem Parkplatz geflogen und verletzt oder vorläufig flugunfähig am von der Sonne heißen Asphalt gelandet. Wo Autos, Fahrräder, Fußgänger und Hunde zirkulieren, saß er hilflos fest.

Dieses zauberhafte Lebewesen in großer Not hatte mein Herz erobert. Ich fühlte mich verantwortlich, rasch das bestmögliche zu tun. Als ich versuchte, den Gestrandeten mit einem weichen Tuch aufzuheben, flog er blitzschnell einige Meter weg und blieb wieder wie gebannt sitzen. Ich freute mich: seine Flügel funktionierten!

Also brauchte er wohl nur Ruhe an sicherem Ort - am besten im schattigen Grün am Fuß der Felsen. Von rückwärts anschleichend, nahm ich ihn sanft und langsam im Tuch auf, ohne Panik seinerseits. Zügig ging es mit der federleichten, stillen Fracht zum Buschwerk hinter der Abzäunung. Bevor ich das Tierchen dort absetzte, schaute ich es zum letzten Mal an. Im Tuch wie in ein Nest eingebettet, saß es in meiner Linken und blickte mich seinerseits an. Dann überließ ich es im vertrauten Umfeld seinem Schicksal, mit dem Wunsch, es möge sich noch lange seines freien Vogel-Lebens erfreuen.

Als ich zum Auto ging, sah ich in der Nähe einen Hund herumtollen. Wie froh war ich, das hilflose Vöglein rechtzeitig gefunden zu haben! Zuhause angekommen, war mir wundersam leicht zumute. In der Erinnerung sah ich das Bild des kleinen, aber vollkommen geschaffenen Wildtieres mit seinem Blick aus purer Lebenskraft.

Da wuchs in mir spontan ein Wunsch-Gebet für alle Menschenkinder und sämtliche Lebewesen, um Befreiung aus Leiden und um unzerstörbares Glück. Hinter diesem mich beglückenden Wunsch brannte zwar das Wissen um unaufhörliches Leid in unserer Lebenswelt, etwas Stärkeres aber blieb, als tief wurzelnde Gewissheit von Erfüllbarkeit des im Getriebe der Zeit Unvorstellbaren - durch einen kleinen Vogel geschenkt.

© Marzelline