Unfreiwilliges Faschingskostüm

Die Faschingszeit war längst vorbei, vor den Sommerferien gab es ein Uni-Fest. Darauf freute ich mich als junge Studentin der Geisteswissenschaften sehr.

Damals war gerade Schönwetter wie im Süden. So erwartete ich einen langen Tanzabend unter funkelnden Sternen. Aber das Fest entpuppte sich bald als "Reinfall" und mein Frust wuchs. Daß ich Geduld im Zuwarten übte, anstatt zu flüchten, sorgte für Ärger auf mich selbst.

Um 3 Uhr früh war die Bilanz der an sich zauberhaften Sommernacht mehr als ernüchternd, zumal ich nüchtern geblieben war: "Bei verkopften Wissenschaftlern wachsen Defizite im Tanzen und Kommunizieren proportional zum Alkoholspiegel!"

Dringend brauchte ich Ausgleich und wußte sofort, wo er zu finden war. In meinem Zimmer zurück, warf ich mich in Bergkleidung und radelte im morgendlichen Dämmerlicht zum Untersberg.

Was für ein herrlicher Tag begann nun! Vogelgesang begleitete mich beim Radfahren und im Anmarsch durch den Wald; rasch den Dopplersteig hochsteigend, bewegte ich mich im bezaubernd-rötlichen Licht der aufgehenden Sonne. Ich ging wie durch einen überirdischen Traum.

Oben zwischen Latschen sitzend, wurde das mitgebrachte, einfache Frühstück zum Festmahl. Lange blieb ich dort, unter Dohlen und unweit weidendem Wild. Der Frust vom Fest war Dankbarkeit gewichen, denn diese Bergtour hätte ich sonst nicht erleben dürfen.

Der Mix aus Schlafmangel und überschäumendem Glückshormon nahm mir jedoch die gewohnte Vorsicht. Wieder unten angelangt, fuhr ich, ohne mein Klapprad auf Festigkeit zu kontrollieren, übermütig durch die pfeilgerade Straße. Spontan wollte ich abkürzen, ohne abzubremsen bog ich so schnell in einen Feldweg ab, daß es staubte. Dann ging es schneller, als erzählbar: das Rad klappte zusammen und ich flog im Bogen durch hohe Brennesseln in einen Graben. Ich erinnere mich, ein dumpfes Blubbern gehört zu haben, während ich bis über Haare und Gesicht in übelriechende Moorbrühe sank. Irgendwie konnte ich hinauf ins Brennessel-Dickicht hechten und auf den Weg kriechen.

Rundum beschwert vom kalten Moor, die Haare Rasta-artig verklumpt, schlurfte ich auf der Suche nach Wasser voran. Die vollgesogenen Bergschuhe waren wie Bleigewichte; sie "seufzten" bei jedem Schritt, eine dunkelbraune Spur hinterlassend.

Um die Ecke sah ich Arbeiter und näherte mich ihnen vorsichtig. Als sie aufblickten, blieben ihre Münder offen, einer kratzte sich entgeistert am Kopf. "Hamma Fasching, oda?" - hörte ich. Kleinlaut erklärte ich das "Kostüm" und bat um Wasser. Mit grobem Lachen zeigte man auf eine Regentonne. Darin wusch ich Arme und Gesicht, dann zog ich dankend ab.

Während ich mein Rad zusammenschraubte, hörte ich die Burschen laut lachen. Am Heimweg staunten und lachten noch mehr Leute über mein "Kostüm".

Auf den Stiegen bis zu meinem Zimmer im 4. Stock hinterließ ich eine zähe, braune Spur. Das Putzen nervte und dauerte lange. Ich war froh, daß mich wenigstens hier niemand sah!

© Marzelline