einmal über die Brücke

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einmal über die Brücke | story.one

"Ich möchte einmal über die Reichsbrücke in Wien laufen!"

Diese einmalige Gelegenheit bietet sich nur beim Wien Marathon. Und ich? Das bisschen Laufen und mein Gefühl atemlos bereits Marathonlänge erreicht zu haben nach 5 km. Egal, in unsrer Firma gab es jedes Jahr eine Staffel und so fragte ich mal an, ob sie mir die Gnade erwiesen, mich in den ehrenwerten Kreis aufzunehmen. Ich wurde mit einem kurzen:"Wir sind schon komplett!" vertröstet. War ja auch irgendwie nachvollziehbar. Die Staffel bestand aus einer Kollegin, die seit 20 Jahren täglich läuft, einem Kollegen, der bereits Ironman- Erfahrung hatte, einer weiteren Kollegin, die Staatsmeisterin im 7-Kampf bei den Ü50 ist (sensationell fit) und einem Kollegen, der drahtiger nicht sein konnte. Und da stand ich mit langen Beinen ohne Kondition.

„Gut, dann such ich mir eben meine eigene Staffel zusammen!„

Sie bestand aus meiner absoluten Lieblingskollegin, die allerdings kaum gehen konnte und wenn sie ging, wie eine Ente. Sie erzählte, dass sie abends ab und zu laufen geht. Einer weiteren Kollegin, die Laufen nur aus Erzählungen kannte, einem Kollegen, der eher der gemütliche Wirtshausbesucher als der Sportler war. Also mit einem Wort - unperfekter ging es nicht. Sie waren dabei. Ich bestand auf den Start, weil - bei aller Liebe- mir ging es um die Brücke. Dass danach noch weitere 16 km zu laufen waren, sah ich entspannt und auch mit Entsetzen. Die T-Shirts stellte die Firma zur Verfügung und ich war heilfroh, dass die Beschriftung nur am Rücken zu sehen war. Entsprechend der Strategie: Das Feld von hinten her aufräumen. Ich schwor vor dem Start alle ein: "Wir müssen vor der MA48 ins Ziel. Das zählt."

Der Start rückte näher - großes Gezappel. Startschuss! Nichts bewegte sich. Lag an den Massen vor mir. Mein Pacemaker war vermutlich schon wieder kurz vor dem Ziel, bis ich endlich die Startlinie überquerte. Ich lief los und erreichte nach 200 m diese wunderbare Brücke. Ich bin noch nie so langsam gelaufen wie in diesem Augenblick - hier habe ich wichtige Minuten liegen lassen. Atemberaubend! Die Donau, die Sonne ging auf, Musik in meinen Ohren. Zum Weinen schön. Die Kilometer danach waren hart und es waren eindeutig zu viele. Ich wusste aber, dass meine Staffel wartete verteilt in Wien. So rannte ich durch den Prater, über die Lände, über den Ring, wo mein Sohn stand, über den Naschmarkt, wo meine Freunde warteten, zum Gürtel, wo noch eine Freundin mit Transparent schrie, nach Schönbrunn, wo meine Mutter stehen sollte, was sie aber nicht tat. Nach 16 km übergab ich an meine Kollegin, die verloren an der Übergabestelle wartete. Ich setzte mich nieder, mir wurde schlecht und schwarz vor Augen. Da hörte ich die vertraute Stimme meiner Mutter:" Ich habe ja gewusst, dass es ein Blödsinn ist." Sie war also doch da. Ich aber nur:" Nein, es war atemberaubend." Sie setzte sich zu mir und wir schwiegen zufrieden.

Unsre B-Mannschaft schaffte es übrigens bis ins Ziel vor den Strassenkehrern von Wien.

© Matrixe