GURUS

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GURUS | story.one

"Dann such dir doch eine neue Mutter!" schreie ich ihm nach. Dies ist das sinnvolle Ende einer Diskussion, dachte ich.

"Hab ich schon!" brüllt er zurück und ich:"Aha, und wer ist die Glückliche?"

"Angelina Jolie!"

Stille bei mir. Da kann ich nicht mithalten. Ja, okay.. die managt also 5,6 Kinder - was weiß ich wieviele, ist schön bis zum Anschlag. Damals noch mit einem Brad Pitt im Schlepptau. Was soll ich sagen. Bestimmt auch noch so eine 30-Zimmer Villa mit ein oder zwei Pools. Setzt sich für alles mögliche ein, dreht einen Film nach dem andren und sieht natürlich Tag und Nacht atemberaubend aus. Ich in diesem Moment mit verschwollenen Augen, Haare in alle Richtungen und Ansatz zur gewissen Trägheit. Soziales Engagement gegen null. Stimmt gar nicht, ich spende ab und zu, wenn das schlechte Gewissen überhand nimmt. ABER Moment: Sehr gut, denke ich mir. Sein Zimmer wird also demnächst frei - dann kann ich es vermieten an Brad Pitt. Den spann ich der zukünftigen Mutter meines Sohnes dann auch aus, weil mit ihm an der Backe, wird sie keine Zeit mehr für ihren Traummann haben. Kurze Rede langer Sinn: Ich nehme mir die Vorteile aus der Situation und die Situation nicht immer ganz so ernst wie es scheint. Mein Sohn ist ja noch immer bei mir und Angelina ist längst Geschichte. Vermutlich der Grund, warum Brad Pitt nicht an meiner Seite ist.

In dieser Episode ist nicht Angelina mein Guru, sondern mein Sohn. Ein Wegweiser, der Signale setzt und es an mir liegt, was ich daraus mache. Die guten, lustigen, aufregenden, provozierenden und verletzenden Gurus. Und ich kann sagen, es ist echt oft verdammt schwer, den Sinn zu entdecken. Ich bleibe aber dabei: jeder, der meinen Weg kreuzt, hinterlässt etwas und treibt weiter.

So ist auch mein Hund - mein Guru, der mir zeigt, wovor ich Angst habe. Er sieht mich an und reagiert entsprechend meiner Emotion. So auch Freunde, die mir Sätze zuwerfen, die ich anfangs nicht verstehe und langsam ins Leben integrieren kann. Skurrilen Situation, denen ich voller Unverständnis gegenüber stehe und erst später die Aussage für mich wahrnehmen darf.

Ich traf einen Mann, der von meinem Leben soweit weg war, wie kaum jemand. Den ich nie bereit gewesen war, in mein Leben zu integrieren. Von ihm durfte ich unendliche Bescheidenheit, Liebe und das Sehen mit dem Herzen lernen. Ich traf auf Menschen, die inspirieren ohne sie wirklich zu kennen. Ich sehe meine Kinder, die trotz allen Widerstands soviel von mir annehmen.

Ich höre meinen Bruder, der nie meiner Meinung und ich nicht seiner und dennoch ist uns nichts wichtiger, als genau diese Meinung. Wir haben so eine große Anzahl an Gurus um uns, deren Wert wir so selten wahrnehmen und der alles ist, aus dem wir gemacht sind. Besonders weit bringen mich jene, die ich nicht zu meinen Gurus zählen möchte.

Aber zurück zu Brad Pitt. Er hätte an meiner Seite ganz bestimmt ein entspannteres Leben als bei Mrs.A. Er weiß mich als Guru, einfach nicht zu schätzen - kommt aber noch!

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© Matrixe 04.05.2020