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STILLE

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STILLE | story.one

Ich wuchs in einem wunderschönen Altbau im 4. Bezirk auf. Eine stille kleine Nebengasse der Wienzeile, in unmittelbarer Nähe zum Naschmarkt. Ich teilte mir damals mit meinem älteren Bruder ein großes Zimmer. Damals! Ich war klein und lästig, da hatten wir noch eines zusammen - dann kam die WAND!

Die Wohnung lag im 5.Stock mit Blick auf einen Park. Meine Mutter ließ Gitterstäbe vor unsre Fenster montieren und so war das Fenster mein Lieblingsplatz. Sah ich Freunde unten, war ich schon am Weg. Oder ich saß dort und träumte - zu Weihnachten ständig!

Am 24. Dezember war es Tradition, dass Papa und ich, Baum kaufen gingen. Immer mit dem Auftrag von Mama: „A bisal a Kleinerer als letztes Jahr!“ Was soll ich sagen, ein Augenaufschlag reichte für den größten Baum. Der Raum war 3.5 m hoch. Der Baum 4 m - jedes Jahr kam die Säge zum Einsatz. Meine Mutter verdrehte die Augen und mein Bruder erforschte die Wissenschaft. Null Interesse an einem Handgriff. Das war ihm zu schlicht und forderte ihn zu wenig. Ich aber wollte es perfekt, kitschig für mein Christkind. Ja, es war ja so groß wie ich übrigens, blonde Locken aber, ich glaube nackt, Flügel und Glitzer überall. Weihnachtsmann? Was ist das?

Der Christbaum wurde stets im Kinderzimmer aufgestellt. Ich wollte ihn immer bei mir haben. Auch um zu sehen, ob das Christkind heimlich auf Besuch kommt. Papa und ich arbeiteten schwer, schleppten den Baum 5 Stockwerke hoch, sägten, schmückten. Ich schmückte den Baum und mich. Eine Kugel für mich, 10 für den Baum. Lametta teilte ich fair 50-50. Süßigkeiten ebenso. Kerzen war Erwachsenenarbeit. Auch um den späteren Wohnungsbrand zu vermeiden. Man hätte uns nicht mal durch die Fenster retten können, dank der Stäbe. Mama kochte, mein Bruder erforschte unbekannte Welten und mein Vater und ich hatten unendlich Spaß.

Der Abend näherte sich, wir mussten das Zimmer verlassen. Nur mein Vater durfte im Zimmer bleiben. Er meinte wegen der Kerzen - sicherheitshalber.

Ich wollte bloß einen Blick auf das Christkind werfen, aber nein, ich durfte nicht. Endlich klingeln. Nichts wie rein und noch Glitzer sehen, aber nichts. Mein Bruder trottete hinter mir ins Zimmer. Warf einen Blick auf die Geschenke, einen Blick zum Fenster und wieder auf die Geschenke. Andächtige STILLE bei allen!

Bevor noch das große Ah und Oh losging, sagte er: „Das geht sich nicht aus!“ Ich: “Was?“ STILLE

Er: „Die Geschenke und das Christkind passen nicht durch die Fensterstäbe! Das ist zu eng!“ und blickte meinen Vater streng an: „Daher. Es gibt kein Christkind!“ Mein Vater blickte ihn an, meine Mutter blickte ihn an und beide blickten mich an. STILLE

Ich habe nie erfahren, was sie ihm gesagt hatten danach. Ich aber dachte nur: „Lächerlich! Er muss sich verrechnet haben. Ich stand ja Wache an der Tür!“ Ich war doppelt glücklich, weil er sich EINMAL in seinem Leben geirrt hatte, suchte noch jahrelang Glitzer und blonde Locken. Bis heute übrigens! Es war sein einziger Irrtum und ich? Ich war dabei!



© Matrixe 2020-10-17

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