Als ich von Frau und Kindern erfuhr

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Als ich von Frau und Kindern erfuhr | story.one

Ich bin der Meinung, wir sind die Piloten unseres Lebens. Nicht ohnmächtige Passagiere irgendwo weiter hinten. Nein, im Cockpit, an den Steuerknüppeln! Und ab und an muss man seinen Kurs neu bestimmen. Wohin geht die Reise? Welches Leben wartet auf mich? Was sagt mir die Stimme meines Herzens?

Es war im Mai des Jahres 2003. Als Begleiter einer Brüssel-Exkursion lungerte ich leicht deprimiert auf den hinteren Sesseln des Plenarsaals des Europäischen Parlaments. Irgendwie hatte ich gerade einen kleinen Durchhänger.

Während es rund um mich in fremden Sprachen wuselte, sinnierte ich vor mich hin. „Jetzt bist du bald 30. Alter Mann. Was wird aus dir?“ „Eigentlich ein klarer Fall für ein Coaching“, dachte ich mir. Ich beschloss, mich für zwei Stunden von unserer Gruppe abzusetzen. „Alter, coach dich doch selbst!“ gab ich mir einen Ruck. Schließlich war ich beruflich auch als Coach tätig und begleitete Menschen genau in solchen Fragen der persönlichen Entwicklung.

„Was würde ich mit einem Kunden machen?“ fragte ich mich. „Ich würde ihn zeichnen lassen!“ schoss es mir ein. Immer wieder kamen Menschen zu mir, die Veränderung im Job oder Privatleben suchten. In solchen Fällen begannen wir, ihrer „Berufung“ nachzuspüren. Wenn es mir passend erschien, lud ich sie dazu ein, bis zum nächsten Treffen die Vision von einem glücklichen Leben in fünf oder sieben Jahren zu entwerfen. Sie sollten wahrnehmen, wohin ihr Herz zieht.

Durch den Hinterausgang des mächtigen Gebäudekomplexes wechselte ich auf den Place du Luxembourg und suchte mir ein nettes Café. Dort bestellte ich ein kleines Bier und zückte ein leeres Blatt Papier. 20 Minuten später war mein Kunstwerk vollendet. Ich staunte.

Denn meine Zeichnung zeigte zwei spielende Kinder, einen umzäunten Garten, Bäume, ein Haus, einen Family-Van, im Hintergrund die Hochhäuser einer Großstadt. „Ich habe also tatsächlich einen Gartenzaun gezeichnet?“ schüttelte ich den Kopf. Damals fand ich derlei Einrichtungen ziemlich spießig, „Familienkutschen“ etwas abartig, von Frau, Haus und Bäumen war in meinem Leben nichts vorhanden. Ich war ein Jungunternehmer und arbeitete exzentrische 70 Stunden die Woche. Der Rest war Party.

Natürlich habe ich mir die Zeichnung aufbewahrt. Heute, mehr als 15 Jahre später, schreib ich gerade an meinem Buch „Sei Pilot deines Lebens“ und halte diese Zeichnung nochmals in Händen. Alles kam, wie ich es gezeichnet hatte. Und noch ein drittes Kind dazu. „Wow, das Leben!“ sag ich mir. „Ein freier Mann, auf einem freien Kontinent“, grinse ich und blättere in der Morgenzeitung, die vom chinesischen Sozialpunktesystem berichtet. Dort überwacht dich der Staat: Wenn du dich falsch verhältst, wird dir verboten, einen Zug oder ein Flugzeug zu nehmen. „Huch, bei meinem Lebenswandel Ende der 20er hätte ich wohl nicht mit nach Brüssel dürfen“, blitzt es durch meinen Kopf. Ich drück unseren drei Kindern einen Kuss auf die Stirn und eile zur Straßenbahn.

#europelove

© Matthias Strolz 26.04.2019