Berufung – wenn unsere Seele tanzt

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Berufung – wenn unsere Seele tanzt | story.one

Ungelebtes Leben vergiftet. Unsere Seele will pulsieren – und zwar hier. Deswegen haben wir uns auf den Weg gemacht in diesen Körper, auf diesen Planeten. Für ein Erdling-Abenteuer. „Ich gehe jetzt auf die Erde und lebe als Mensch. In vollen Zügen.“ Das war der Plan.

Nun sind wir da. Der Plan ist aufrecht. Leben in vollen Zügen – wie geht das nochmal? Was ist gut und richtig? Was hat wirklich Relevanz?

Am klarsten sehen wir mitunter von unserem Sterbebett aus. Die Sterbeforschung berichtet, dass viele Menschen bereuen, zu viel gearbeitet zu haben. Habe ich genügend Liebe bekommen und gegeben? Habe ich das Lied meines Lebens gesungen, habe ich authentisch gelebt, bin ich dem Ruf meines Herzens gefolgt? Diese Fragen beschäftigen uns in den Tagen unseres Abschieds.

„Es macht doch Sinn, diese Fragen vorzuziehen“, dachte ich mir. "Sie sind Schlüssel zu einem erfüllten Leben." So beschloss ich, diesem Themenkreis eine TV-Sendung zu widmen: „Der Tod als Coach des Lebens“. Nach einiger Überzeugungsarbeit beauftragte mich der ORF damit, und ich fuhr im Sommer 2019 in einer silbernen Stretch-Limousine mit einem Sarg und einem Grabstein an Bord durch Österreich. An öffentlichen Orten luden wir Menschen dazu ein, im Sarg Probe zu liegen, ihre Begräbnisrede zu verfassen, die Aufschrift für ihren Grabstein zu entwerfen. Es waren berührende Begegnungen.

„Sie war glücklich“, schrieb eine junge Frau auf ihren Grabstein. „Was ist ein gutes Leben?“, blinzelte ein Mann in den Himmel, als wir den Deckel des Sarges weghoben. „Hm, wenn ich genau hinhöre, dann weiß ich es. Das spür‘ ich innendrinn'“, sagte er. „Ich darf mich nur nicht zu sehr ablenken lassen“, verabschiedete er sich mit einem seligen Grinsen.

Innendrinnen, der Innere Ort (© MIT-Forscher Otto Scharmer), Seelenplan, Wesenskern, das höhere Selbst, Berufung, Bestimmung, die Stimme des Herzens … Wir haben viele Worte versucht, um das zu greifen, was jenseits der Worte ist und was die Naturwissenschaft (noch?) nicht vermessen kann.

„Was ist ein glückliches Leben?“, fragte eine Zuschauerin nach der TV-Ausstrahlung. „Wohl für jede und jeden was Anderes“, schrieb ich retour. „Ich denke, ein glückliches Leben ist, wenn wir mit den Entscheidungen, die wir in unserem Leben treffen, uns selbst Schritt für Schritt näherkommen. Wenn wir unser Wesen erkennen, unser Herzen verstehen, unsere Seele spüren.“

In meinem Modell der „High Five der persönlichen Entfaltung“ ist die Schichtung 3 „Mit der Berufung verbinden“ der Ausgangspunkt für die Formgebung für das Neue in unserem Leben. Wenn wir an unserem Inneren Ort Klarheit haben, dann fließt diese in äußere, weltliche Formen des Seins und Tuns. Dann ist der Download des göttlichen Funkens in irdischen Formen unterwegs. Dann tanzt, singt und pulsiert sie, unsere Seele.

© Matthias Strolz