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Blühe, Du schöpferisches Wesen!

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Blühe, Du schöpferisches Wesen! | story.one

Was mich am Menschsein am meisten fasziniert – unsere Üppigkeit an Potenzial. Kein anderes Lebewesen kann so viel Verschiedenes sein und werden. Wir baden im Überfluss an Talent und Möglichkeit. Manchmal drohen wir darin auch zu ertrinken. Noch nie waren wir mehr gefordert, uns selbst gut zu führen, um nicht auf Abwege zu kommen. Dies gilt insbesondere in Zeiten großer Verwerfungen, in die wir gerade hineinwachsen.

Wir Menschen sind zutiefst schöpferische Wesen. Jede und jeder von uns. Wir sind stetes Werden. An keinem Tag sind wir dieselben. Auch wenn es körperlich nicht den Anschein hat – wir entwickeln uns bis zum letzten Atemzug. Keine Generation zuvor in der Geschichte unserer Spezies hatte eine so große Auswahl bei der Lebensgestaltung. Doch auch nie zuvor gab es so viel dunkle Verlockung.

Ob wir konstruktive oder destruktive Wege gehen, bestimmen wir selbst mit. Ignoranz, Arroganz, Sucht, Burn-out … – alle sind angelegt in uns. Und alle können "aufblühen", wenn wir die entsprechenden Entscheidungen treffen. Gleichermaßen können sich Lebensfreude, Zufriedenheit, Dankbarkeit und Liebe prall entfalten, wenn wir sie achtsam kultivieren. Daher sollten wir in unseren Schulen das Fach „Lebensführung“ als essenzielle Kulturtechnik einführen.

„Deine Berufung liegt dort, wo deine Talente die Bedürfnisse der Zeit treffen“, sagte schon Aristoteles. Gelegentlich frage ich auf meinen Vortragstouren Jugendliche: „Was sind deine Talente?“ Eingeschüchterte Blicke: „Hm … das weiß ich nicht.“ Also stelle ich denselben jungen Menschen die Frage: „Wo bist du schlecht? Wo können wir dich nicht brauchen?“ Da beginnen sie zu sprudeln, erzählen von ihren vielfältigen Erfahrungen, wo wir ihnen mit dem Rotstift drübergefahren sind. Dieses Elend können wir stoppen. „Kein Kind beschämen!“, ist eine der Leitlinien in finnischen Schulen. Das wäre schon mal ein Anfang.

Die Talente, die in uns stecken, wollen in die Entfaltung. Das ist die Grundrichtung des Lebens. Auch wenn wir mit "verkühlten Wurzeln" starten, können wir prächtige Lebensbäume werden. Oft sind es Krisen, die uns in Neuerfindung stürzen. Wer nicht PassagierIn, sondern PilotIn des eigenen Lebens sein will, widmet sich dieser Neu(er)findung bewusst. Dies beginnt mit Innehalten, Wahrnehmen, Bewusstwerden. Dann folgt das aufmerksame Loslassen. Über die Verbindung mit unserer Berufung und der Stimme des Herzens wachsen wir in die Formgebung. Klarheit an unserem „inneren Ort“ übersetzt sich dabei in äußere Formen. Das, was sich bewährt, wächst schlussendlich in die Verkörperung. Meisterschaft.

Bei unserem Neuerfinden können wir aus dem Vollen schöpfen. Das Leben wuchert eben mit Potenzial. So wie die Kirschbäume im Frühjahr. Sie blühen so üppig, dass ich auch heuer wieder staunend davorstehe. Nicht aus jeder Blüte wird eine Frucht. Aber jede Blüte feiert das Leben. Und ohne Blüten im Frühling keine Früchte im Sommer. Also blühet, ihr Menschenkinder!

© Matthias Strolz 06.04.2020

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