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Herzschmerzen. Ich komme zu mir.

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Herzschmerzen. Ich komme zu mir. | story.one

In kalter Nacht ist ein Komet niedergegangen. Mitten ins Leben. In seinem Schweif sprießen Himmelschlüssel.

"Bald wird jeder von uns jemanden kennen, der an Corona gestorben ist", flüsterte gestern der Bundeskanzler in mein Ohr. "Wer wird der erste bei uns sein?", frage ich mich auf dem Weg durch die Morgensonne. "Und was sonst noch?", galoppiert mein Verstand: Das Ungarische Parlament hat sich vorgestern selbst ausgeschalten. "Hello Dictator", keine 60 Kilometer entfernt von unserem Zuhause. Über 10.000 offiziell Infizierte in Österreich, über 860.000 weltweit, über 40.000 Tote. 200.000 zusätzliche Arbeitslose in Österreich innerhalb von gut zwei Wochen, Billionen von Unternehmenswerten quer über den Planeten vernichtet, Masseninsolvenzen allort, Millionen Arbeitsplätze zerstört. "Es wird viele Selbstmorde geben", denke ich mir. "Ein Ozean an Tragödien."

Ich betrachte einen abgeschlagenen Holzstern. Da liegt er, in unserem Garten. Bedeckt mit Schneekristallen. Hell funkelnd inmitten der Frühlingsblumen. "Der Komet hat schöne Blüten im Schweif", fällt mir auf. "Ich will nicht ausrinnen an der Social-Media-Front", sag' ich mir. Zuletzt hatte ich ganze Tage damit zugebracht, zu posten, Interviews zu geben, Gastkommentare zu schreiben, zu kritisieren, zu kämpfen. Ich hänge am Tropf der Nachrichten wie ein Junkie. Die tägliche Informationswalze füllt meinen Kopf bis zum Platzen. Nun tropft sie auch ins Herz. "Ich spüre Enge. Herzschmerzen", berichtete ich meiner Frau gestern Abend. "Ich werde was ändern", ist der Gedanke, mit dem ich einschlafe.

"Was tut mir gut in diesen Zeiten?", frage ich mich, als ich aufwache. Mäßigung in der Informationsaufnahme und im Social-Media-Konsum. Weniger Weltverschwörungstheorien, mehr Begegnung mit der Natur. Hinaus in die Sonne. Den Vögeln bei ihrem Morgenkonzert lauschen. Ich schlüpfe in meine Waldviertler Wanderstiefel und bringe mich in Bewegung. Ich will bewusster wahrnehmen. Sehen, hören, spüren. "Ich schau mir jetzt die Frühlingsblumen an!" Freude steigt auf.

Ich werde zu mir kommen. "Du bist ein Gärtner des Lebens, ein divine architect. Kultiviere Formen und Felder sämtlicher Art … Folge deiner Intuition. Wenn es die Situation nahelegt oder deine innere Stimme dich dort hinruft, komme ganz zu dir. Hier bist du geborgen vor allem Ungemach." So steht es in meinem "Lied des Lebens", das ich bei meinem fünftägigen Aufenthalt im Wald vor rund neun Jahren bekommen habe. Dieses Lied hat mich gut durch all die letzten Jahre geleitet - durch den Abschied aus meinem Unternehmen, die Parteigründung, die Zeit im Parlament und zuletzt hinein in mein neues Sein - als Autor, Publizist und Impact-Unternehmer.

"Verlasse dich auf dein Wesen … Suche nicht, finde. Sei bereit. Alles kommt zu dir. Sei aufmerksam, sei wachsam. Entscheide." Eine Buchidee steht auf in meinem Herzen. Es weitet sich. "Ich werde Himmelschlüssel sammeln," sag ich mir. Ich habe entschieden.

© Matthias Strolz 2020-04-01

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